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Familie Michael und Cyrel (Cilli) Goldberg

Adresse

Schwarzer Bär
30449 Hannover

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Max Moszek Michael Goldberg wurde am 23. April 1897 im polnischen Piatek (deutsch: Piontek) in der Nähe von Lodz geboren. Im Alter von zwanzig Jahren wanderte er nach Deutschland ein. Ab 1925 war er als selbständiger Handelsvertreter für die Firma Lietz und Co. mit Sitz in Kiel tätig.

Seine Ehefrau Cyrel Goldberg, geb. Bloch (* 17. September 1904), stammte aus Czestochowa (deutsch: Czenstochan oder auch Czenstochau), das als polnischer Wallfahrtsort bekannt ist. Als sie ein Jahr alt war, siedelten ihre Eltern Samuel und Chana Bloch mit ihr nach Deutschland über, wo sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten. Als junge Frau arbeitete Cyrel in der Bäckerei und Konditorei ihres Vaters mit. Das Geschäft befand sich im Stadtzentrum Hannovers in der Schillerstraße Nr. 41. Im September 1934 verstarb Samuel Bloch im Alter von 64 Jahren an einem Herzleiden. Seine Ehefrau Chana, geb. Imich, führte zunächst das Geschäft weiter.

Michael Goldberg und Cyrel Bloch heirateten 1932. Die Ehefrau erhielt dadurch wieder die polnische Staatsbürgerschaft. Anfang Februar 1933 bezog das Ehepaar eine gemeinsame Wohnung in der Minister-Stüve-Straße Nr. 8. Michael Goldberg war nach wie vor als Geschäftsreisender für die Firma Lietz und Co. aus Kiel tätig.

Am 1. Oktober 1934 zogen Michael und Cyrel Goldberg in die Deisterstraße Nr. 2 (heute: Schwarzer Bär Nr. 2), das Capitol-Hochhaus an der Ihmebrücke, um. Im selben Jahr kam ihre Tochter Margot zur Welt. Die zweite Tochter wurde im Januar 1938 geboren und erhielt den Namen Edith.

Mitte der dreißiger Jahre begann sich die Lebenssituation der Familie zu verschlechtern. Die Bäckerei in der Schillerstraße, die Chana Bloch nach dem Tod ihres Ehemannes Samuel im September 1934 weitergeführt hatte, musste 1935 geschlossen werden. Laut einer späteren Aussage von Cyrel Goldberg wurde die Aufgabe des elterlichen Geschäfts durch Boykottmaßnahmen erzwungen. Für Michael Goldberg endete nach elf Jahren Betriebszugehörigkeit 1936 seine Tätigkeit als Handelsvertreter für die Firma Lietz und Co. Die näheren Umstände gehen aus den verfügbaren Akten nicht hervor.

Am 28. Oktober 1938 wurden Michael und Cyrel Goldberg zusammen mit ihren kleinen Töchtern Margot und Edith im Rahmen einer groß angelegten Aktion der deutschen Behörden nach Polen abgeschoben. Auf diese Abschiebung, von der mindestens 12.000 Menschen betroffen waren, sind wir in dem Beitrag über die Familie Lindenbaum (Deisterstraße Nr. 15) näher eingegangen. Wie viele andere Betroffene auch, wurde Familie Goldberg über mehrere Monate im polnischen Auffanglager Zbaszyn nahe der deutsch-polnischen Grenze festgehalten. Dort mussten sie sich provisorisch einrichten.

Chana Bloch bemühte sich von Hannover aus, der Familie ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns wenigstens einen Teil des zurückgelassenen Hausrats nachsenden zu lassen. Dazu musste sie mit der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums Hannover mühsame Verhandlungen führen. So schrieb sie beispielsweise mit Datum vom 12. Januar 1939 an die Behörde:
Bei der Abschiebung meiner Kinder sind die gesamten Wäsche- und Kleidungsstücke, die im Koffer enthalten waren, abhanden gekommen, sodaß sie an Wäsche und Kleidung nur das Notwendigste besitzen. Im Hinblick auf diesen Notstand bitte ich um die Erlaubnis zur Ersatzbeschaffung der unbedingt erforderlichen Kleindungsstücke, die auf [beiliegender] besonderer Liste aufgeführt sind.
Das Schreiben, das im Hauptstaatsarchiv Hannover vorliegt, trägt den knappen handschriftlichen Vermerk "abgelehnt" und das Namenskürzel des zuständigen Bearbeiters der Finanzbehörde.


Michael und Cyrel Goldberg bemühten sich inzwischen um eine Auswanderung nach Palästina. Josef Bloch, ein Bruder von Cyrel, lebte dort seit 1937 und konnte schließlich ein Einreisevisum erwirken. Im April 1939 wurde dem Ehepaar eine befristete Aufenthaltsgenehmigung vom Polizeipräsidium Hannover erteilt, um die Auswanderung zu organisieren. Dafür fanden sie bei ihren früheren Nachbarn Siegfried und Ida Jacobsohn noch einmal vorübergehende Unterkunft im Capitol-Hochhaus in der Deisterstraße Nr. 2. Anschließend fuhr Familie Goldberg mit der Eisenbahn von Hannover nach Triest, um von dort mit dem Schiff Richtung Tel Aviv auszureisen. Ihr Ziel war Jerusalem, wo sie ihren neuen Wohnsitz nehmen wollten.

Chana Bloch, geb. Imich, blieb in Hannover zurück. Sie wurde am 15. Dezember 1941 im Alter von 70 Jahren nach Riga deportiert und ist ums Leben gekommen. Ihr Name ist auf dem Mahnmal am hannoverschen Opernplatz verzeichnet. Der Historiker Michael Pechel hat die Geschichte der Familie Bloch, erzählt vom Enkel Dr. Samuel Bloch (Stuttgart), in einem Beitrag für das Netzwerk Erinnerung und Zukunft geschildert (> Link).

Michael und Cyrel Goldberg hatten große Mühe in Palästina Fuß zu fassen. Mangelnde Sprachkenntnisse und gesundheitliche Probleme erschwerten eine geregelte Berufstätigkeit. In den ersten Jahren mussten Nahrungsmittel- und Bekleidungspakete von Verwandten aus Amerika über manchen Engpass hinweg helfen. Michael Goldberg fand erst ab 1945 Arbeit. Durch Fürsprache kam er Anfang 1948 in der Stadtverwaltung von Jerusalem als Buchhalter unter. Im Mai desselben Jahres wurde der Staat Israel gegründet. Cyrel Goldberg, die sich inzwischen Cilli nannte, nahm die israelische Staatsbürgerschaft an. Ob auch ihr Ehemann israelischer Staatsbürger wurde, wissen wir nicht. Vermutlich haben die schwierigen Lebensumstände dazu geführt, dass Michael Goldberg inzwischen eine Rückkehr nach Deutschland ernsthaft in Betracht zog.

Im Februar 1952 - Michael Goldberg war jetzt fast 55 Jahre alt - reiste er mit dem Schiff an die französische Küste nach Marseille und von dort mit dem Zug weiter nach Hannover. Seine Familie blieb vorerst in Israel. Bemerkenswerter Weise nahm er seine berufliche Tätigkeit bei derselben Firma wieder auf, für die er bereits vor der erzwungenen Auswanderung gearbeitet hatte: Lietz und Co. aus Kiel.

1958 holte Michael Goldberg seine Ehefrau Cilli und die jüngere Tochter Edith nach. Dass die 20-jährige Edith mit ihren Eltern nach Deutschland zurückkehrte, mag daran gelegen haben, dass ihr Ehemann kurz zuvor verstorben war. Margot, die ältere Tochter von Michael und Cilli Goldberg, blieb hingegen mit ihrem Ehemann in Israel.

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 3515

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 129300

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 105/93 Nr. 856

1938: Deutschland schiebt ab, Der Konflikt um die Juden polnischer Herkunft, von Knut Mellenthin, ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 419 vom 22.10.1998; im Internet unter  www.holocaust-chronologie.de/artikel/1938-deutschland-schiebt-ab.html

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[Eingestellt am 23.04.2011; zuletzt geändert am 08.06.2013]

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