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Apollo-Kino

Adresse

Limmerstraße 50
30451 Hannover

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[Foto 2010: Michael Jürging]

[Foto 2010: Michael Jürging]

Apollo-Kino

[Station 7 der Tour "Unvollständige Rückkehr an vergangene Orte"]

Programmwechsel war im Apollo immer am Freitag und am Dienstag. Am Abend vorher stand die in Ölfarbe auf Leinwand gemalte Kinoreklame im überdachten Vorraum gegenüber der Kinokasse. Die Filmtitel waren in geschwungenen Buchstaben geschrieben, ebenso die Namen der Stars, die ebenfalls abgebildet waren, meist zu zweit und umgeben von einer Szene des Films: Bei Wildwestfilmen ein sich aufbäumendes Pferd und Berge im Hintergrund mit untergehender Sonne; bei Kriegsfilmen Kanonen mit Mündungsfeuer und abgeschossene Jagdflugzeuge, die aus einem strahlend blauen Himmel rot-flammend durch weiße Wolken stürzten; bei Liebesfilmen, die aber nur selten gespielt wurden, meist nur der Kopf eines Mannes, der sich über das Gesicht einer schönen Frau beugte, das ihm entgegen kam, mit geschlossenen Augen.

Eigentlich sollte es geheim bleiben, als mich Horstchen Döring zum ersten Mal in eine Nachmittagsvorstellung ins Apollo mitnahm. Der Film hieß die Liebesabenteuer des Don Juan und ich konnte es einfach nicht für mich behalten. Beim Abendbrot in der Küche musste ich davon erzählen, und obwohl mir die Reit- und Fechtszenen am besten gefallen hatten, fragten mich die Gesellen immer nur: „Und was war sonst noch in dem Film?" Ich wollte ihnen darauf nicht antworten, aber sie gaben keine Ruhe. Ich hätte ihnen am liebsten mit der Faust ins Gesicht geschlagen oder in den Bauch, spürte aber, dass ich im nächsten Augenblick tot umfallen würde, sah mich schon liegen, steif ausgestreckt und bleich, und spürte den harten und kalten Fliesenfußboden in meinem Rücken.

...

Die Gastwirtstochter aus der Kneipe Limmerstraße/Ecke Leinaustraße, gleich neben dem Apollo, hieß Hella. Sie war mindestens drei Jahre älter als ich, blond, langhaarig und schlank. Sie wollte als Liane zum Film. Die Rolle bekam jedoch Marion Michael. Als der Film angelaufen war, in der Schauburg, etwas weiter die Limmerstraße hinunter in Richtung Küchengarten, sah Hella genau so aus wie das Mädchen aus dem Urwald. Jedes mal wenn ich sie sah, wurde sie im nächsten Augenblick von einem Mann angesprochen und unterhielt sich mit ihm auf eine Weise, die mich sehr aufregte.

...

Einmal habe ich miterlebt, wie das Reklamebild über dem Apollo-Eingang gewechselt wurde. Da war ich meinem Vater zum ersten Mal ausgerissen.

Das Geld hatte an diesem Abend nicht gereicht, um die fällig Wechselsumme im Postamt Am Lindener Markt einzulösen. Er war gleich zu einer Gastwirtschaft am Lichtenberg Platz gefahren, hatte die Frage des sehr alten Wirtes, was es denn sein dürfte, mit seinem üblichen Scherz: „Ein Eimer Wasser und ein Bund Heu!" beantwortet, sich an den Stammtisch gesetzt und ein Rezept nach dem anderen getrunken.

Ich hatte so getan, als müsse ich auf die Toilette, war aus der Gaststube gegangen, hatte vor den Toiletten einen Ausgang im Hausflur gefunden, war von dort aus auf die Straße und durch Nebenstraßen dicht an den Hauswänden entlang bis vor das Kino gerannt. Ich sah zwei Männer, die auf Leitern standen und die neue Reklame befestigten. Ich war der Erste, der sie an ihrem Platz sah!

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