Lebensraum Linden Navigator

Im Hof

Adresse

Limmerstraße 58
30451 Hannover

Tipp auf der Karte anzeigen »

Weitere Informationen

[Foto 2010: Michael Jürging]

[Foto 2010: Michael Jürging]

Im Hof

[Station 1 der Tour "Unvollständige Rückkehr an vergangene Orte"]

Wenn man in unser Haus hinein wollte, gab es zwei Möglichkeiten. Einmal konnte man durch den Laden kommen, aber dann gelangte man nur in das Büro oder in die angrenzende große Küche. Oder man ging von der Limmerstraße aus durch den Torweg, also durch das ganze Wohnhaus.

Im Torweg hallten die Schritte. Besonders wenn man mit der flachen Sohle ganz hart und schnell auftrat, hörte es sich an wie Peitschenknallen.

Der Hof dahinter war glatt betoniert und fast quadratisch, mit einem Gully in der Mitte und nach vier Seiten begrenzt: Vom viergeschossigen Vorderhaus, in dem in der ersten Etage rechts unserer Wohnung war; vom Anbau, in dessen Keller sich die Konditorei befand und im Parterre das Brotlager; vom Hinterhaus mit der Backstube und dem Mehllager unten und dem einen gemeinsamen Schlafzimmer für die Gesellen in der ersten Etage; und von einer roten Backsteinmauer, gegen die ich fast täglich Stunden lang einen Gummiball schoss und versuchte, den zurückprallenden Ball mit dem rechten oder linken Fuß anzunehmen und sofort zurückzuschießen.

...

Sehr gern wäre ich auch Rollschuhkunstlaufweltmeister geworden. Ich übte an jedem Nachmittag. Die Rollschuhe hatten Eisenräder, aber sie hatten Doppelkugellager und sie waren lenkbar. Doch es gab keinen Stopper und sie wurden einfach unter die Straßenschuhe geschnallt und vorn mit einem breiten Einkochgummiring zusätzlich befestigt. Trotzdem konnte ich die Waage laufen, die wir den Flieger nannten, konnte einen Grätsch- und einen Rückwärtssprung springen und stehen. An guten Tagen gelang mir sogar einen einfache Standpirouette.

An jedem Dienstagnachmittag kam ein Leierkastenmann, der in die Kuhle trat, in den Hof. Er spielte Lieder wie „Wo die Nordseewellen rauschen" und den Schneewalzer. Nach diesen Melodien lief ich um ihn herum, sammelte Geld für ihn ein, das aus den Fenstern geworfen wurde, in Zeitungspapier eingewickelte Groschen. Ich schaffte es, im Fahren die kleinen Päckchen vom Boden aufzuheben und bei ihm auf dem Leierkasten in eine ehemalige, blitzsaubere Fischdose zu legen, ohne dabei anzuhalten. Er bedankte sich dafür bei mir, in dem er knickste und eine Grimasse schnitt, die sicher lustig sein wollte.

...

Selten schöne Momente bedeutete es, auf dem glatt betonierten Hof auf dem Rücken zu liegen im Geviert. Geschützt von Vorderhaus und Hinterhaus und roter Backsteinmauer und den Schuppen voller abgestellter Maschinen und abgelegter Geräte. Eine nach allen Seiten begrenzte Welt. Nach oben war sie offen.

Ganz still sein und blauen Himmel sehen. Die Augen schließen und damit die Welt versinken lassen.

Wohlig befürchten, dass die Mauer, die Häuser einstürzen, das einzige Auto, das den Hof befuhr, hereinkommt und nicht früh genug gebremst wird, dass ein Fenster aufgerissen wird und ein Erwachsener schimpfend die Frage stellt, was das denn nun wieder sollte, was man da machte und was das bloß für eine Jugend wäre heutzutage. Nach einer Weile, in der das alles nicht geschehen war, die Augen vorsichtig wieder öffnen, auf diese Weise die Welt wieder auferstehen lassen, das noch einen Augenblick genießen und dann aufstehen, noch ganz benommen, noch ganz gefangen von diesem Erlebnis.

« zurück zur Übersicht »