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Familie Siegfried und Ida Jacobsohn

Adresse

Deisterstraße 17
30449 Hannover

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Weitere Informationen

Siegfried Jacobsohn und seine Ehefrau Ida besaßen eine Textilwarenhandlung, mit der sie ab März 1933 in der Deisterstraße Nr. 17 ansässig waren. Privat wohnten sie in der Deisterstraße Nr. 2, dem Capitol-Hochhaus an der Ihmebrücke.

Siegfried Jacobsohn wurde am 30. Dezember 1886 in Thorn in Westpreußen (heute Torun/Polen) geboren. Nach dem ersten Weltkrieg, den er als deutscher Soldat mitgemacht hatte, wurde seine Heimatstadt durch den Versailler Vertrag Bestandteil des polnischen Staates, dem sie auch schon in früheren Zeiten angehört hatte. Siegfried Jacobsohn siedelte nach Hannover über. Hier wurde er zu Jahresbeginn 1920 Mitarbeiter der jüdischen Firma Lindermann & Cie., für die er in den folgenden Jahren als Einkäufer und Abteilungsleiter tätig war.

Ida Jacobsohn, geb. Stahl (* 3. Januar 1900), stammte aus Falkenberg in Hessen. Vor der Eheschließung am 21. März 1922 arbeitete sie als Buchhalterin im Seidenhaus Marx in der Georgstraße Nr. 50 (Hannover-Mitte). Kurt, der Sohn von Siegfried und Ida Jacobsohn, wurde am 15. September 1923 in Hannover geboren.

Die Familie hat zwischen 1926 und März 1933 im Bischofsholer Damm Nr. 24 gewohnt. Es wäre möglich, dass beim Umzug in die Deisterstraße so kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten auch die Hoffnung, im politisch "roten" Linden weniger Anfeindungen ausgesetzt zu sein, eine Rolle gespielt hat. Aber natürlich war Linden keine Nazi-freie Zone, und schon gar nicht der Bereich um den Schwarzen Bären: In der Minister-Stüve-Straße Nr. 3 residierten die NSDAP-Ortsgruppen Linden I und II mit dem Einzugsgebiet Schwarzer Bär, Deisterplatz und Lindener Berg. Zeitweilig war auch die Ortsgruppe Linden der Nationalsozialistischen Volksfürsorge (NSV) im selben Haus untergebracht. In der Blumenauer Straße Nr. 1, dem Eckgebäude zur Minister-Stüve-Straße, befand sich ab 1934/35 der 'Braune Laden Linden - Gerske & Reuter', wo Uniformen und Ausrüstungsgegenstände für SA-Leute, HJ-Mitglieder usw. verkauft wurden. Und im Capitol-Hochhaus (Deisterstraße Nr. 2), wo Familie Jacobsohn privat wohnte, gab es ab 1936/37 eine Verkaufsstelle der nationalsozialistischen Freizeitorganisation 'Kraft durch Freude' (KdF).

Der berufliche Wechsel vom Abteilungsleiter bei der Firma Lindermann zum selbständigen Textilwarenhändler erfolgte für Siegfried Jacobsohn nicht aus freiwilligem Entschluss. Lindermann & Cie. war zwischenzeitlich von der Karstadt AG übernommen worden. Der Konzern passte sich 1933 zügig den neuen, nationalsozialistischen Machthabern an und entließ nahezu alle jüdischen Mitarbeiter. Davon war auch Siegfried Jacobsohn betroffen. Er bemühte sich daraufhin, in Linden eine neue berufliche Existenz als Textilwarenhändler aufzubauen und mietete dazu ein 20 m² großes Ladengeschäft in der Deisterstraße Nr. 17.

In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde das Ladengeschäft schwer beschädigt. Den Nazis war wohlbekannt, dass es sich um einen jüdischen Geschäftsinhaber handelte. Sein Name und seine Berufsadresse waren in der Liste "Juden in Hannover" verzeichnet, die Heinz Siegmann, der Leiter der antisemitischen 'Stürmer-Freunde-Hannover', im Jahr 1935 herausgegeben hatte.

Anfang 1939 entschloss sich Familie Jacobsohn zur Auswanderung. Im Herbst des Vorjahres hatte außer der Pogromnacht vom 9./10. November auch die Abschiebung polnischer Juden am 28. Oktober stattgefunden. Davon waren berufliche und private Nachbarn der Familie Jacobsohn direkt betroffen, nämlich die Familie Jacob und Selma Lindenbaum (Textilwarengeschäft in der Deisterstraße Nr. 15) und die Familie Michael und Cyrel Goldberg (privat im Capitol-Hochhaus, Deisterstraße Nr. 2). Am 9. August 1939 zog Familie Jacobsohn in die Bergmannstraße Nr. 10 um. Dort wohnten seit dem 15. Dezember 1938 auch Jacob und Selma Lindenbaum.

Zunächst hatten Siegfried und Ida Jacobsohn eine Auswanderung nach London angestrebt. Diese Option zerschlug sich aber mit dem Kriegsbeginn Anfang September 1939. Daraufhin bemühten sie sich um eine Übersiedlung in die USA. Ihr finanzieller Spielraum war aber eng begrenzt. Die Vermögenserklärung gegenüber der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums Hannover vom 18. September 1939 beinhaltet die Selbstauskunft, dass kein Vermögen vorhanden sei. So konzentrierte sich die Familie zunächst darauf, die Auswanderung für Mutter Ida und Sohn Kurt in die Wege zu leiten, während Siegfried Jacobsohn einstweilen in Hannover zurückbleiben musste. Die Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums Hannover ließ das Umzugsgut taxieren, ermittelte einen Wert von 946 RM und ordnete streng nach Vorschrift am 20. Januar 1940 an, dass für die Freigabe des Umzugsgutes eine "ersatzlose Abgabe" in Höhe von 240 RM zu zahlen sei. Familie Jacobsohn sah sich nicht in der Lage, diesen Geldbetrag aufzubringen. Ida Jacobsohn wies in einem Schreiben an die Devisenstelle darauf hin, dass ihr Ehemann nur noch einen Wochenverdienst von 25 RM habe, und bat um eine Reduzierung der Abgabenhöhe. Im Gegenzug bot sie an, bestimmte Kleidungsstücke  aus dem Umzugsgutverzeichnis wieder zu streichen. Daraufhin wurde die ersatzlose Abgabe von der Devisenstelle auf 135 RM festgesetzt. Ida und und Kurt Jacobsohn sind am 5. März 1940 von Genua aus mit dem Schiff in die USA ausgereist.

Die archivierten Schriftstücke aus dem Oberfinanzpräsidium Hannover deuten darauf hin, dass Siegfried Jacobsohn zwischen Februar 1940 und März 1941 wiederholte Anläufe unternommen hat, um ebenfalls in die USA auszuwandern. Worin die Verzögerungen begründet lagen, lässt sich aus den Akten nicht erschließen.

Eine Begebenheit am Rande spiegelt das repressive Vorgehen der Finanzverwaltung beispielhaft wider: Siegfried Jacobsohn hatte ein Paket mit abgetragener Wäsche und altem Spielzeug an befürftige Verwandte im besetzten Polen, dem sog. "Generalgouvernement" verschickt. Die Fracht war nachweislich von geringem Wert und beim hannoverschen Zweigpostamt 3 in der Bäckerstraße anstandslos abgefertigt worden. Als jedoch die Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums Hannover davon Kenntnis erhielt, leitete sie sofort ein Strafverfahren gegen Siegfried Jacobsohn ein. Begründung: Juden müssten für sämtliche von ihnen aufgegebenen Sendungen in das Ausland einen Genehmigungsbescheid der Devisenstelle vorlegen. Siegfried Jacobsohn wurde eine Geldstrafe von 10 RM auferlegt. Darüber hinaus schickte die Devisenstelle am 27. Februar 1941 eine schriftliche Rüge an das betreffende Postamt mit der Aufforderung, "dass die Bestimmungen künftig genau beachtet werden."

Im Juni 1941 konnte Siegfried Jacobsohn endlich ausreisen. Für die Mitnahme seines Gepäcks hatte auch er zuvor eine ersatzlose Abgabe zahlen müssen, die 34 RM betrug. Am 9. Juni verließ er Hannover zunächst in Richtung Berlin. Von dort ging es im geschlossenen Eisenbahnzug über Frankreich nach Spanien. Am 26. Juli verließ Siegfried Jacobsohn auf einem Dampfer Europa mit dem Ziel Irun in den USA. Es soll sich um das letzte Schiff gehandelt haben, mit dem Juden aus Deutschland nach Amerika emigrieren durften.

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 1541

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 137352

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 70/95 Nr. 264

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 70/95 Nr. 271

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

[Eingestellt am 27.01.2011; zuletzt geändert am 13.02.2013]

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