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Familie Jacob und Selma (Sura) Lindenbaum

Adresse

Deisterstraße 15
30449 Hannover

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Jacob Lindenbaum besaß seit Anfang der 1930er Jahre in der Deisterstraße Nr. 15 ein Trikotagen- und Strumpfwarengeschäft, das unter der Bezeichnung 'Fa. Jacob Lindenbaum, Textilwaren' firmierte.

Sowohl er (* 20. Juni 1889) als auch seine Ehefrau Sura, geb. Lindenbaum (* 2. November 1895), stammten aus dem Ort Dolina in Galizien. Die Region hatte bis 1918 zur Habsburger Donaumonarchie Österreich-Ungarn gehört, wurde aber nach Ende des ersten Weltkriegs von den Siegermächten dem wieder erstandenen polnischen Staat zugeordnet.

In den archivierten Schriftstücken sind die Vornamen des Ehepaars Lindenbaum überwiegend eingedeutscht: "Jacob" wurde mit "k" statt "c" geschrieben und aus "Sura" wurde "Selma".

Privat hat die Familie in den dreißiger Jahren in der hannoverschen Altstadt in der Knochenhauerstraße Nr. 64 gewohnt. Die beiden Söhne Adolf (* 6. Juni 1921) und Leo (* 22. März 1923) waren gebürtige Hannoveraner.

Das Textilwarengeschäft in der Deisterstraße Nr. 15 und sein jüdischer Besitzer gerieten offenbar schon früh ins Visier der Nationalsozialisten. Der Leiter der antisemitischen 'Stürmer-Freunde-Hannover', Heinz Siegmann, gab Anfang 1935 eine Liste mit den Namen und Adressen jüdischer Geschäftsleute in Hannover heraus. Darin wird auch - mit dem falschen Vornamenskürzel "I." statt "J." - das Geschäft von Jacob Lindenbaum aufgeführt.

Am 28. Oktober 1938 wurden die beiden jugendlichen Söhne, der 17-jährige Adolf und der 15-jährige Leo Lindenbaum nach Polen abgeschoben. Die politischen Hintergründe dieser groß angelegten Abschiebung von "polnischen Juden" aus dem Deutschen Reich, die mindestens 12.000 Menschen betraf, hat Knut Mellenthin in einem Artikel geschildert, der auch im Internet verfügbar ist (siehe Quellenverzeichnis).

Die Abschiebung der Söhne lag noch keine zwei Wochen zurück, als das Textilwarengeschäft von Jacob Lindenbaum in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 von Nazis attackiert wurde. Dabei wurde die Schaufensterscheibe eingeschlagen und weiterer Schaden angerichtet. Jacob Lindenbaum durfte den Laden danach nicht wieder eröffnen. Zum Ende des Monats gab er sein Geschäft auf.

Am 15. Dezember 1938 zogen Jacob und Selma Lindenbaum von der Knochenhauerstraße in die Bergmannstraße Nr. 10 um, eine Nebenstraße der Langen Laube. Das Haus und das Grundstück hatte Jacob Lindenbaums Vater Salomon seinen sechs Kindern zu gleichen Teilen abgetreten, bevor er - wahrscheinlich im Jahr 1936 - nach Palästina ausgewandert war. So wohnte auch Lea Straßmann dort, eine jüngere Schwester von Jacob Lindenbaum. Sie lebte von ihrem Ehemann getrennt. Jacob Lindenbaum formuliert in einem Schreiben vom 10. Juli 1939 an das Oberfinanzpräsidium Hannover etwas umständlich, seine Schwester habe "die eheliche Gemeinschaft mit ihrem Gatten nicht wieder aufgenommen."

Spätestens nach der Abschiebung ihrer beiden Söhne nach Polen und der Aufgabe des Geschäftes im Herbst 1938 bemühte sich das Ehepaar Lindenbaum um eine Auswanderung nach Palästina. Dort lebte der Vater bzw. Schwiegervater Salomon Lindenbaum in Tel Aviv. Doch die Pläne zerschlugen sich bereits im Januar 1939. Daraufhin strebten sie eine Umsiedlung nach Polen an, wo in Dolina, dem Geburtsort der Eltern, die abgeschobenen Söhne Adolf und Leo untergekommen waren. Knut Mellenthien erläutert zu den politischen Hintergründen:

Am 24. Januar 1939 wurde eine deutsch-polnische Vereinbarung geschlossen. Sie lief einerseits darauf hinaus, dass Polen die Familienangehörigen der im Oktober 1938 Abgeschobenen - etwa 5-6.000 Menschen - aufnehmen würde. Sie gestattete es andererseits den Abgeschobenen, befristet noch einmal nach Deutschland zurückzukehren, um ihre Angelegenheiten zu regeln, ihren Besitz zu verkaufen usw.

Adolf Lindenbaum, der ältere der beiden Söhne, reiste daraufhin im August 1939 nach Hannover, um zusammen mit den Eltern den Umzug nach Polen vorzubereiten. In einem "Umzugsgutverzeichnis" musste gegenüber der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums jedes einzelne Teil genau aufgelistet und von dort freigegeben werden. Die Finanzbehörde forderte u. a. Rechenschaft über das Alter von Kleidungsstücken und Gebrauchsgegenständen. Damit sollte erreicht werden, dass keine Vermögenswerte in Form von neu angeschafften Sachgütern ins Ausland mitgenommen werden. Die Umzugslisten von Jacob und Selma Lindenbaum sowie von Adolf Lindenbaum wurden dann von der Devisenstelle mit Stempel vom 17. Juli und 16. August 1939 freigegeben. Doch zur Ausreise kam es nicht mehr.

Am 1. September 1939 begann die Deutsche Wehrmacht den Angriffskrieg gegen Polen. Jacob und Adolf Lindenbaum wurden noch im selben Monat verhaftet und im Oktober in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert. Aus den Akten des Oberfinanzpräsidiums Hannover (siehe Quellenverzeichnis) geht hervor, dass Selma Lindenbaum und ihre Schwägerin Lea Straßmann im November 1939 noch in der Bergmannstraße Nr. 10 zu zweit in einem gemeinsamen Haushalt lebten.

Am 15. Oktober 1941 verfügte das Regierungspräsidium Hannover unter Bezug auf diverse Gesetze und Verordnungen "über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens", dass die gesamten Vermögenswerte von Selma Lindenbaum zugunsten des Deutschen Reiches einzuziehen seien. Selma Lindenbaum musste daraufhin ein mehrseitiges behördliches Formular als "Vermögenserklärung" ausfüllen, was sie mit Datum vom 13. November 1941 tat. Daraus erschließt sich folgendes Bild von ihrer damaligen Lebenssituation: Sie selbst wohnte seit dem 4. September 1941 in der Josephstraße Nr. 22, einem der sog. "Judenhäuser" (vgl. dazu die Dokumentation von Marlis Buchholz über die hannoverschen Judenhäuser / siehe Quellenverzeichnis). Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Arbeiterin bei der Waschanstalt Giseler in der Podbielskistraße Nr. 63. Ehemann Jacob Lindenbaum war im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert (Nr. 3117, Block 22), ebenso der ältere Sohn Adolf (Nr. 971, Block 22). Für den jüngeren Sohn Leo Lindenbaum gab sie an, dass er sich in Dolina, Distrikt Galizien, aufhalte.

Selma Lindenbaum und ihre Schwägerin Lea Straßmann wurden am 15. Dezember 1941, im Alter von 46 bzw. 38 Jahren, von Hannover nach Riga deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Im Februar 1942 machte sich das Oberfinanzpräsidium Hannover daran, die verbliebenen Vermögenswerte bei der Dresdner Bank einzuziehen und das zollverschlossene Umzugsgut, das beim Spediteur Georg Buitkamp in der Marienstraße Nr. 46 gelagert war, zu "verwerten". Auch der finanzielle Erlös von 968,75 RM aus dem Verkauf von fünf Kisten Umzugsgut der Familie Lindenbaum ist in den Akten präzise vermerkt.

Jacob Lindenbaum starb am 4. April 1945 im Konzentrationslager Buchenwald. Eine Woche später, am 11. April 1945 erreichten amerikanische Truppen der 3. US-Armee das Lager.

Auf dem Mahnmal am hannoverschen Opernplatz für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus sind die Namen von Jacob und Selma Lindenbaum, Lea Straßmann und Leo Lindenbaum ("verschollen") verzeichnet.

Nur der ältere Sohn Adolf Lindenbaum hat überlebt. Nach der Verhaftung zusammen mit seinem Vater im September 1939 folgte eine Odyssee durch die Konzentrationlager Buchenwald, Auschwitz, Buna, Nordhausen und Ravensbrück. Am 2. Mai 1945 wurde er bei Werbellin befreit. Anschließend hielt er sich noch für einige Monate in Deutschland auf, u. a. auch für kurze Zeit in Hannover. 1946 ist Adolf Lindenbaum nach Israel ausgewandert. 

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 87 Hannover Nr. 258

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/023 Nr. 944

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 193

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 1962

Schriftliche Mitteilung von Florian Grumblies per e-mail vom 20.04.2011 zur Akte im NLA-HStAH mit der Signatur: Nds. 110 W 14/99 Nr. 109603

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Die hannoverschen Judenhäuser, Zur Situation der Juden in der Zeit der Ghettoisierung und Verfolgung 1941 bis 1945, von Marlis Buchholz, Verlag August Lax, Hildesheim 1987

1938: Deutschland schiebt ab, Der Konflikt um die Juden polnischer Herkunft, von Knut Mellenthin, ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 419 vom 22.10.1998; im Internet unter  www.holocaust-chronologie.de/artikel/1938-deutschland-schiebt-ab.html

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

[Eingestellt am 26.01.2011; zuletzt geändert am 13.02.2013]

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