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Familie David und Margarete Löwenstein

Adresse

Deisterstraße 24
30449 Hannover

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Weitere Informationen

David Löwenstein wurde am 9. Juni 1888 in Frohnhausen im Kreis Warburg/Westfalen geboren. Seine Ehefrau Margarete, geb. Neuhaus (* 14. Februar 1891), stammte aus Goslar. Tochter Inge erblickte am 15. Oktober 1923 das Licht der Welt. Die Familie hatte bis Ende der zwanziger Jahre in der Podbielskistraße Nr. 10 (Hannover-List) gewohnt und war dann nach Linden in die Minister-Stüve-Straße Nr. 7 umgezogen.

Nachdem David Löwenstein als Soldat aus dem ersten Weltkrieg zurückgekehrt war, hatte er sich wie seine älteren Brüder Albert (* 1881) und Sally (* 1883) selbständig gemacht. Albert Löwenstein besaß eine Rohproduktenhandlung - auch Lumpensortieranstalt genannt - in der Kleinen Hohe Straße Nr. 6. Sally Löwenstein betrieb ein Trikotagengeschäft in der Deisterstraße Nr. 78.

In den frühen zwanziger Jahren war David Löwenstein zunächst Mitinhaber der Firma seines ältesten Bruders Albert. Ab 1926 gingen sie geschäftlich getrennte Wege, blieben aber in derselben Branche tätig. Albert Löwenstein war noch einige Monate in der Kleinen Hohe Straße Nr. 6 beruflich ansässig. David Löwenstein ließ sich nach einem kurzen Intermezzo in der Elisenstraße Nr. 23 (Linden-Nord) mit seiner eigenen Lumpensortieranstalt im Hinterhaus Deisterstraße Nr. 24A nieder. Damit waren die  Brüder fast Rücken an Rücken Geschäftsnachbarn. Denn die vier Hinterhäuser "A" bis "D" des Grundstücks Deisterstraße Nr. 24 standen zu beiden Seiten eines Stichweges, der bis an die Hinterhäuser der Kleinen Hohe Straße heran führte. (Der Stichweg wurde nach dem zweiten Weltkrieg als 'Dunkelberggang'  zur durchgehenden Verbindung zwischen Deisterstraße und Hohe Straße ausgebaut.)


Albert Löwenstein stieg Ende der zwanziger Jahre auf das Geschäft mit Zentrifugen um. Seine neue Firma Löwenstein & Comp. befand sich in der Bahnhofstraße Nr. 9 (Hannover-Mitte). Privat wechselte er mit seiner Familie innerhalb weniger Jahre zweimal die Wohnung, von der Militärstraße Nr. 7 (Hannover-Nordstadt) zur Bandelstraße Nr. 15 (Hannover-Südstadt) und von dort in die Gerberstraße Nr. 2 (Calenberger Neustadt). Im Ordnungsamt der Stadt Hannover findet sich als letzte Information über Albert Löwenstein der Hinweis, er sei am 1. Oktober 1934 "auf Reisen gegangen". Seine Ehefrau Bertha blieb in Hannover zurück. Sohn Heinz (* 18. Februar 1911 in Linden), der im Mai 1937 in die USA auswandern konnte, erklärte Jahre später, sein Vater habe Deutschland 1934 in Richtung Frankreich verlassen, um den Verfolgungsmaßnahmen zu entgehen.

Ab Mitte der dreißiger Jahre zeigte die Stigmatisierung und Demütigung der jüdischen Bevölkerung immer stärkere Wirkung. In der Liste "Juden in Hannover" des Antisemiten Heinz Siegmann aus dem Jahr 1935 (siehe Quellenverzeichnis) ist auch David Löwenstein mit seiner Lumpensortieranstalt in der Deisterstraße Nr. 24 verzeichnet. Der Gewerbebetrieb erstreckte sich seinerzeit auf eine Fläche von etwa tausend Quadratmetern und beschäftigte zwischen 5 und 7 Mitarbeitern. Im Juni 1938 wurde David Löwenstein von Amts wegen gezwungen, seine Firma zum Ende des Monats zu schließen. Das Lager und die Geschäftsräume wurden danach von der Papierwarengroßhandlung Gebrüder Winter bezogen.

In der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde die Familie Löwenstein in ihrer Privatwohnung in der Minister-Stüve-Straße Nr. 7 überfallen und die Einrichtung zerstört oder beschädigt.

Daraufhin erwogen David und Margarete Löwenstein die Auswanderung aus Deutschland. Es ist allerdings fraglich, inwieweit sie die dafür notwendigen Schritte tatsächlich in die Wege geleitet haben. Letztlich reiste nur die knapp 16-jährige Tochter Inge - vermutlich auf Drängen ihrer Eltern - allein nach Holland aus. Dort war sie jedoch nur vorübergehend in Sicherheit. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande zu Beginn des Westfeldzugs im Mai 1940 geriet sie wieder in den nationalsozialistischen Machtbereich. Aus einem Schreiben von David Löwenstein an das Oberfinanzpräsidium Hannover vom 27. Januar 1941 geht hervor, dass sich Inge zu dieser Zeit in Amsterdam unter der Adresse Papenburgerstraße Nr. 131a aufgehalten hat.

David und Margarete Löwenstein wohnten inzwischen nicht mehr in Linden, sondern in Hannover-Mitte. Hier mussten sie nach den Zwischenstationen Hausmannstraße Nr. 5 und Theodorstraße Nr. 5a schließlich in die Körnerstraße Nr. 24 umziehen, eines der sog. "Judenhäuser". Am 15. Dezember 1941 wurden sie beide von dort nach Riga deportiert. Im selben Transport befand sich auch Bertha Löwenstein, die Ehefrau von Davids ältestem Bruder Albert.

Im Februar 1942 begannen das Oberfinanzpräsidium Hannover und die ihm nachgeordneten Dienststellen damit, die Vermögenswerte der Familie Löwenstein einzuziehen. Als Grundlage wurde die Vermögenserklärung vom 12. November 1941 herangezogen, die David Löwenstein vor der Deportation hatte ausfüllen müssen. Die archivierten Schriftstücke im Hauptstaatsarchiv Hannover belegen, mit welcher bürokratischen Konsequenz die Einziehung des jüdischen Eigentums "zugunsten des Deutschen Reiches" betrieben wurde.  So requirierten die Finanzbehörden das Kontoguthaben von 294 RM bei der Dresdner Bank und den Rückkaufwert der Lebensversicherung von David Löwenstein in Höhe von 2.038,77 RM bei der Allgemeinen Versicherungs-AG Viktoria zu Berlin.

Darüber hinaus versuchte das Finanzamt Hannover-Goetheplatz, auch die von David Löwenstein an private Bittsteller verliehenen Geldbeträge von zusammen 650 RM einzutreiben. Als die drei Schuldner von Amts wegen zur Rückzahlung aufgefordert wurden, stellte sich heraus:

1) Hermann Löwenstein aus Frohnhausen - sicherlich ein Verwandter von David Löwenstein - war ebenfalls "abgeschoben" (deportiert?!) worden und sein Vermögen "dadurch dem Reich verfallen". Folglich waren die verliehenen 350 RM dem Staat nicht entgangen.

2) Auguste Kalweit aus Gronau/Leine hatte zwischenzeitlich zwei kleine Raten à 5 RM an David Löwenstein zurückgezahlt, war aber ansonsten nahezu mittellos. Das Finanzamt ließ sich die ärmlichen Lebensverhältnisse der Schuldnerin vom Bürgermeisteramt der Stadt Gronau extra schriftlich bestätigen. Anschließend verzichtete es auf eine "weitere Beitreibung" der restlichen 90 RM.

3) Albert Weuling erklärte am 26. Juni 1942 auf dem Finanzamt: Für seine angeschlagene Firma 'Hannovera Kohlenhandelsgesellschaft m.b.H.', deren alleiniger Gesellschafter er war, habe er 200 RM bei David Löwenstein geliehen. Die Firma machte im Herbst 1936 dennoch pleite. Im Juni/Juli 1939 bat ihn David Löwenstein um persönliche Rückzahlung des Geldes in Raten, weil er ausreisen wollte und es ihm schlecht ging. Zur Auszahlung sei es jedoch nicht mehr gekommen, weil er - Albert Weuling - Ende August 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Eigentlich sei aber die pleite gegangene G.m.b.H. und nicht er persönlich Schuldner von David Löwenstein. Die Finanzbehörde verzichtete daraufhin auf die Eintreibung des Geldes, da der "Schuldnerstatus nicht eindeutig feststeht".

Der weitere Schicksalsweg der Familie Löwenstein ist uns nur bruchstückhaft bekannt:

Die 50-jährige Margarete Löwenstein, geb. Neuhaus, wurde im Anschluss an die Deportation nach Riga in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig verschleppt.

David Löwenstein kam am 8. August 1944 ebenfalls in das Konzentrationslager Stutthof (Häftlingsnummer 60253). Nur eine Woche später, am 16. August, wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald weitertransportiert (Häftlingsnummer 83170), wo er am 8. September dem Kommando Tröglitz-Rehmsdorf zugeteilt wurde. Dort ist er am 1. Dezember 1944 im Alter von 56 Jahren verstorben. Als Todesursache wurde angegeben: "Herzschwäche bei Nierenentzündung".

Inge Löwenstein, die Tochter, wurde aus den Niederlanden in das Vernichtungslager Sobibor im südöstlichen Polen deportiert. 

Am 7. März 1953 wurden alle drei Familienmitglieder vom Amtsgericht Hannover offiziell für tot erklärt. Ihre Namen sind auf dem hannoverschen Mahnmal am Opernplatz verzeichnet.

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010 mit ergänzenden telefonischen Auskünften vom 03.02. und 07.02.2011

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 87 Hannover Nr. 258

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/023 Nr. 164

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 12

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 128891

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

[Eingestellt am 03.02.2011; zuletzt geändert am 13.02.2013]

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