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Familie Max und Else Cammnitzer (Exkurs: Ehepaar Siegmund und Rosa Meyer)

Adresse

Schwarzer Bär 3
30449 Hannover

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Weitere Informationen

Der Kaufmann Max Cammnitzer war Mitbegründer und Teilhaber des Damenbekleidungsgeschäftes Krohne & Cammnitzer, das seit 1913 zunächst in der Deisterstraße Nr. 1 (heute Schwarzer Bär Nr. 1) ansässig war.

Er stammte aus der pommerschen Stadt Labes (heute Lobez/Polen), wo er am 11. Juli 1884 geboren wurde. Auch seine spätere Ehefrau Else, geb. Hiller, war in Pommern gebürtig. Sie erblickte am 1. Mai 1894 in der Kleinstadt Deutsch Krone (heute Walcz/Polen) das Licht der Welt.

Max Cammnitzer kam Anfang 1910 von Frankfurt am Main nach Hannover-Linden. Im Herbst 1912 meldete er sich vorübergehend ab, um Mitte Dezember aus Stettin wieder zurückzukehren. Nach unseren Adressbuchrecherchen gehen wir davon aus, dass er bis 1921 bei dem Ehepaar Gustav und Christine Schinnerling in der Brüningstraße Nr. 6 (heute Laportestraße) in Linden-Süd zur Untermiete gewohnt hat.

Im Adressbuch von 1913 ist das Damenkonfektionsgeschäft Krohne & Cammnitzer erstmals verzeichnet. Alfred Krohne, der andere Teilhaber, ist wahrscheinlich ein Sohn des Zimmermeisters August Krohne aus der Jacobsstraße Nr. 15 (Linden-Mitte). In den Geschäftsräumen von Krohne & Cammnitzer in der Deisterstraße Nr. 1 war zuvor bis 1910 das Herrenbekleidungsgeschäft Diekmann & Co. ansässig gewesen, dass dann in die Deisterstraße Nr. 6 überwechselte. Anfang der 1920er Jahre kehrten Diekmann & Co., die ein weiteres Verkaufsgeschäft in der hannoverschen Innenstadt besaßen, in die Deisterstraße Nr. 1 zurück. Krohne & Cammnitzer verlegten ihre Firma in das Nachbarhaus Deisterstraße Nr. 3.

Ab 1928 gingen Max Cammnitzer und Albert Krohne geschäftlich getrennte Wege. Ersterer übernahm die Firma alleine und führte sie vorübergehend unter der alten Bezeichnung Krohne & Cammnitzer, ab 1930 dann unter 'Max Cammnitzer, Damen- und Herrenkleidung' weiter. Alfred Krohne wurde Inhaber der Firma 'Spezial-Blusenhaus Christine Schinnerling' in der Breiten Straße Nr. 1 am Aegidientorplatz. Christine Schninnerling, bei der Max Cammnitzer nach unseren Recherchen längere Zeit zur Untermiete gewohnt hatte, war seit 1919 verwitwet. Nach dem Tod ihres Ehemannes Gustav hatte sie das 'Spezial-Blusenhaus' gegründet, das erstmals im Adressbuch von 1920 verzeichnet ist.

Privat lebten Else und Max Cammnitzer in den 1920er Jahren zunächst in der hannoverschen Südstadt (Böhmerstraße Nr. 51, Geibelstraße Nr. 27) und anschließend in der Oststadt (Bödekerstraße Nr. 43). Am 20. Juni 1922 wurde Tochter Inge geboren. Die zweite Tochter Ellen kam am 1. Mai 1925 zur Welt.

Wahrscheinlich im Jahre 1931 zog die Familie nach Linden in die Deisterstraße Nr. 4 (heute Schwarzer Bär Nr. 4), unmittelbar vis-a-vis zum Ladengeschäft. Vermutlich 1934, also nur wenige Jahre später, verlegte Max Cammnitzer jedoch sein Geschäft in die Grupenstraße Nr. 2 im hannoverschen Stadtzentrum. Über die Beweggründe wissen wir nichts. Hat es Boykottaufrufe oder andere Drangsalierungen durch Nazis gegeben? In der Liste "Juden in Hannover" des NSDAP-Mitglieds Heinz Siegmann aus dem Jahr 1935 wird Max Cammnitzer mit seiner Firma allerdings nicht aufgeführt.

Dennoch zog er sich Mitte der 1930er Jahre schrittweise aus dem öffentlichen Geschäftsleben zurück. 1935 räumte er das Ladengeschäft in der Grupenstraße. 1936 verließ er mit seiner Familie den Schwarzen Bären und zog in die Fössestraße Nr. 6, nahe dem Küchengartenplatz, um. Anschließend versuchte er noch für kurze Zeit als selbständiger Handelsvertreter beruflich zu überleben. Zum 31. Dezember 1938 musste Max Cammnitzer seine Firma endgültig aufgeben.

Anfang 1939 bemühten sich Max und Else Cammnitzer um die Auswanderung aus Deutschland. Zunächst gelang es ihnen, die beiden Töchter Inge und Ellen mit zwei Kindertransporten des 'Hilfsvereins der Deutschen Juden' am 30. Januar und 15. März nach England ausreisen zu lassen.

Die zurück gebliebenen Eltern versuchten derweil, eine Auswanderung nach Uruguay zu erwirken. Die Devisenstelle der Oberfinanzdirektion Hannover verlangte daraufhin genaue Auskünfte zum Vermögensbestand. Mit der Überprüfung des Umzugsgutes, das ebenfalls detailliert aufgelistet werden musste, wurde der Gerichtsvollzieher H. Büker aus der Quirrestraße Nr. 15 (Linden-Nord) beauftragt, der für seine Tätigkeit eine Gebühr von 20,60 RM erhob. Um den Wert der Briefmarkensammlung von Max Cammnitzer mit 60 RM zu ermitteln, wurde noch extra ein Beeidigter Sachverständiger für Briefmarken hinzugezogen. Und für jeden Gegenstand, den das Ehepaar Cammnitzer seinen Töchtern nach England nachschicken wollte, musste eine Ausfuhrgenehmigung beantragt werden. Der deutsche Staat, der von jedem zur Auswanderung gedrängten Juden eine "Reichsfluchtsteuer" erhob, wollte sich bei der Taxierung der Vermögenswerte nichts, aber auch gar nichts entgehen lassen.

Am 28. Juni 1939 erteilte die Devisenstelle schließlich die Genehmigung, das aufgelistete Umzugsgut ins Ausland zu verbringen. Nachdem sich die Pläne für eine Auswanderung nach Uruguay zwischenzeitlich zerschlagen hatten, konnten Max und Else Cammnitzer letztlich nach Antwerpen in Belgien ausreisen. Ihre Abmeldung bei der Stadt Hannover datiert vom 11. Juli 1939.

 

Im Mai 1940 marschierten deutsche Truppen in Belgien ein. Nach der Besetzung des Landes wurden die jüdischen Bewohner Zug um Zug deportiert. Auch Max und Else Cammnitzer gerieten in den Strudel der Vernichtung. Inge Hoffmann, geb. Cammnitzer, hat in den Jahren 1977 und 1985 die letzten Nachrichten vom Verbleib ihrer Eltern für die israelische Gedenkstätte Yad Vashem niedergeschrieben:

Max Cammnitzer wurde im September 1940 in das französische Internierungslager St. Cyprien verschleppt. Von dort ist er nicht zurückgekehrt.

Else Cammnitzer, geb. Hiller, wurde 1941 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Ihre letzte Adresse in Belgien lautete: Brüssel-Ixelles, Rue Souverain No. 2. Else Cammnitzer wurde am 30. Mai 1961 in Hannover offiziell für tot erklärt.

Bei den deutschen Finanzbehörden hat es übrigens in den Jahren 1942/43 noch ein Nachspiel gegeben, für das eigens eine Akte angelegt wurde: Das Fernsprechamt II 3 (Hannover) machte am 12. Juni 1942 bei der zuständigen Vermögensverwertungsstelle geltend, dass gegen Max Cammnitzer für den Fernsprechanschluss 42465 noch eine Gebührenforderung von "12,- RM zzgl. Zinsen (4 vH) ab 5.10.1939" bestehe. Der Oberfinanzpräsident Hannover teilte dem Fernsprechamt dazu mit Datum vom 7. Januar 1944 lapidar mit: "Irgendwelche Vermögenswerte, aus denen Ihre Forderung gegen den genannten Juden beglichen werden könnte, sind hier nicht festgestellt worden."


Exkurs zum Leben jüdischer Flüchtlinge und Emigranten in Brüssel (Belgien) in den Jahren 1939/40

Von den Lindener Familien Cammnitzer und Sock sind uns keine persönlichen Dokumente bekannt, die Auskunft über ihre Lebensverhältnissen im belgischen Exil geben. Wir kennen lediglich ihre letzten Wohnadressen in Brüssel.

Dankenswerter Weise haben wir im März 2013 die Möglichkeit erhalten, Einblicke in eine vergleichbare Lebenssituation zu bekommen. Die nachstehenden Briefauszüge aus dem Zeitraum August 1939 bis April 1940 stammen von dem Ehepaar Siegmund und Rosa Meyer aus Duisburg. Siegmund Meyer war dort als Synagogendiener und Vorsitzender des Synagogenchors tätig. Die Familie hat die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 aus nächster Nähe miterleben müssen. In den Unterlagen des Stadtarchivs Duisburg ist vermerkt, dass der Sohn Rudi dabei schwer misshandelt wurde. Siegmund Meyer spielt in einem seiner Briefe mit dem sarkastisch gemeinten Begriff „Kulturarbeit" auf den Pogrom an.

Im August 1939 konnte Siegmund Meyer nach Brüssel emigrieren. Seine Ehefrau Rosa folgte ihm einige Monate später. Die Briefe aus dem Exil waren an die gemeinsame Tochter Ilse gerichtet, die bereits 1935 nach Palästina ausgewandert war und dort mit ihrem Ehemann und später zwei Töchtern lebte. Für Siegmund und Rosa Meyer sollte Brüssel nur eine Zwischenstation sein. Das eigentliche Ziel hieß Palästina.

Die Briefauszüge verdanken wir den beiden Enkelinnen Naomi Goren und Ruth Lusski sowie der Vermittlung von Sybille Boerner, einer Freundin der Familie.

Siegmund Meyer schrieb:

Brüssel Midi, 19.8.1939

... Da ich jetzt also Mut habe und nicht nur keine Not leide und im Gegenteil sogar den Verhältnissen nach gar nicht schlecht lebe, bitte ich Euch ganz energisch, 1. Euch keine Sorgen zu machen und 2. nichts mehr, weder Geld noch sonstige Sachen wie Päckchen [zu schicken], ... bis ich Euch Mitteilung mache, wenn es nötig ist. Ihr dürft ganz und gar beruhigt sein, was ich haben muss, werde ich bestimmt von Euch erbitten. Vorläufig habe ich so viele Bekannte hier in Brüssel, die mir mit viel Liebe behilflich sind ... Wenn man zu Dreien oder Vieren ist und die Zimmermiete teilen kann, sowie sonstige Unkosten, kann man bei guter Einteilung für Wohnung, Licht ... und Essen eben zurechtkommen. Wäsche und sonstige notwendige Utensilien sind nicht herauszuwirtschaften. ...

... Wenn ich hier arbeiten dürfte, könnte ich wöchentlich 300 Franc verdienen. Aber leider [ist das] strengstens verboten und wird außer Strafe mit sofortiger Ausweisung geahndet.

20.8. / ... Von der Arztkommission wurde mir Diätzulage für 4 Wochen bewilligt und ich bekomme für diese Zeit pro Woche 14 Franc Zulage. ... Jeden Abend mache ich mir Milchsuppe und ein Ei. Ich wurde hier gründlich untersucht und Dr. Jülich gab Bericht über meine Magensache, so dass ich verschont bliebe, mir den Magen nochmals auspumpen zu lassen. Ich glaube nun, Euch genügend überzeugt zu haben, dass ich, je länger ich hier bin, Beweise genug gegeben habe, dass es mir von Woche zu Woche besser ging und im Moment sogar sehr gut. Meine einzige Sorge ist, dass mir mein Aufenthalt für einige Monate bewilligt wird und dass es mir gelingt, auch Mutter nach hier zu holen.

Wenn Euch der kleine Bericht von der Kulturarbeit in unserem Haus erschüttert hat, so darf ich Euch Gottlob mitteilen, dass mich das heute gar nicht mehr rührt. Wie Jehuda richtig sagte, bin ich froh, aus [der] Hölle heraus zu sein. Ich könnte Euch von der Kulturarbeit 3 Schreibblocks voll berichten und Ihr würdet es für unglaublich halten. Nach dem 10. November war es für mich unmöglich, noch länger auszuhalten, wollte ich nicht dabei zugrunde gehen. Na, Schwamm drüber, ich will nicht mehr daran denken. ...

Rosa Meyer schrieb:

Brüssel Midi, 1940-2-5

Meine Lieben,

für Euren lieben Brief vom 30.1., den wir am Freitag erhielten, vielen Dank. Also glaubt Ihr Lieben, dass wir schon so bald bei Euch [in Tel Aviv] sein könnten? Aus Deutschland wurde es mir zu meinem gestrigen Geburtstag auch so von allen Seiten gewünscht, und hoffen wir gerne, dass unser aller Wunsch in Erfüllung geht. ...

... Ich selbst bemühte mich auch seit stark 8 Tagen um eine Haushaltsstelle beim Komitee, und bekam eben eine solche angewiesen, wo ich nun morgen früh hintorkele und zusehen werde, hoffentlich ist dies eine gute und angenehme Stelle. Das Komitee ist nicht mehr in der Lage, den alten Unterstützungssatz weiter zu zahlen und zieht pro Woche jetzt 5 Franc ab, dabei ist aber alles von Tag zu Tag teurer. Sonst fühlen wir uns gesundheitlich wohl, wie Ihr Lieben es, so Gott will, auch sein werdet. Weiter alles Gute für Euch alle Drei, und die innigsten Grüße und Küsse Eurer Euch liebenden Mutter

Ergänzung von Siegmund Meyer:

Liebe Kinder, inzwischen wird Eure sibirische Kälte, wie auch hier, vorüber sein. Hier war es auch toll und wir konnten die 17 Grad Kälte nur vertreiben, wenn wir für ca. 7 Franc täglich Kohlen hätten kaufen können. Aber damit hätte bei Zahlung der Miete das Wohngeld nicht gereicht, zumal man nebenbei auch den Magen heizen musste. Seit einigen Tagen aber hatte der Himmel Einsicht und es steht heute das Thermometer wieder über Null.

Siegmund Meyer schrieb:

Bruxelles 9-III [1940]

Meine lieben Kinder!

... Ich schrieb schon im vorigen Brief oder Karte, dass wir illegal nicht kommen können. [Es] kostet [die] nackte Überfahrt à Person 40 £. Für solche Überfahrten gibt das Comité, lieber Jehuda, keinen Centime. Innerhalb von 3 Wochen haben wir zum zweiten Mal 5 Franc Abzüge bekommen Wir erhalten jetzt 65 Franc die Woche, nach Eurem Geld gut ½ £. Du, liebe Ilse, kannst Dir kein Bild von unserem Lohn machen? Also: 1 £ = 115, 80 Franc. 65 Franc erhalten wir die Woche. Da gehen für Miete 27 Franc ab, bleiben 38 Franc. (Jetzt [kosten] einzelne Lebensmittel: 1 Brot 2,50 Franc, 1 Pfund Margarine 5,60 Franc, 1 Liter Milch 1,60 Franc, 1 Kilo Kartoffeln 0,95 Franc, 1 Ei 0,85 bis 1,00 Franc, 1 Pfund Mehl, das billigste, 1,10 Franc, 1 kleiner Rotkohl oder Kappus 2,50 Franc, Kohlen 10 kg 4,50 bis 5 Franc, für diesen Winter gab es 6 Zentner gratis) Also kurz, die 38 Franc reichen bei sparsamster Wirtschaft (ohne Fleisch) für 3 Tage. ...

... Ich selbst habe für mich keinen Centime über. Jedoch bietet sich auch ab und zu [eine] Gelegenheit, Zigarettengeld zu verdienen. Z. B. Treppe putzen für 5 Franc in der Woche. Sonst haben wir aber immer Humor ...

Siegmund Meyer schrieb:

Bruxelles, 28.3.40

Liebe Kinder.

Gestern erhielten wir Euern lieben Brief vom 3.3. Von allen Postsachen bewirken die mit Ilses Handschrift immer die größte Freude. ... Unser sonstiges Los ist nicht schlimmer als eben das aller hier lebenden Emigranten. Ich schrieb Euch schon oft, dass wir wirklich keinen Grund haben zu klagen und Ihr, meine Lieben, noch weniger Grund haben braucht, Euch Sorgen um uns zu machen. ... Die Leute, wo Mutter freitags putzt, sind ganz fabelhaft. Das macht Mutter gar nichts aus. Dafür putze ich unsere Wohnung an Mutters Stelle, nur, dass ich nicht auf die Knien liege. ... Jedenfalls möchte ich Euch nach wie vor bitten, uns kein Geld zu senden, da wir es vorerst nicht brauchen. Wenn es Not tut, melden wir uns schon bestimmt.

... Ich bin mit Dir der Meinung, dass es uns nie glücken wird, 80 £ aufzutreiben. Ich stehe im Moment hier mit einem Dr. Lew in Verbindung. Er ist hier Leiter einer revisionistischen Gruppe und verspricht eine legale Überfahrt [nach Palästina]. Erst in ca. 3 Wochen könne er mir Positives sagen. Er glaubt aber auch, dass man mit 40 £ pro Kopf rechnen müsse. Die Preise werden eher wegen des großen Risikos für das Schiff (weniger für die Menschen) immer größer. Hier und dort wird es ja bei Euch für besonders Gottbegnadete Zertis geben. Aber dazu gehören wir ja nicht. ... Leider besteht die traurige Tatsache, dass man keinen Rat weiß, wie wir bald zusammen kommen. Und doch dürft auch Ihr vorläufig beruhigt sein, dass wir mal hier gut untergebracht sind und vor allem, dass auch Mutter hier ist. Heute wüsste man nicht, wie man Mutter nach hier holen könnte. Wir wollen mal zufrieden sein. Bis jetzt ging noch alles mit Gottes Hilfe gut und müssen wir weiter hoffen und Vertrauen haben, dass es auch weiter so geht. Wir haben auch hier gute Menschen. Man bemüht sich aufgrund unseres guten Schemm [Anmerkung: hebräisch/jiddisch - aufgrund unseres guten Namens], der bis hierhin gedrungen ist, uns zu helfen, wenn auch nicht mit Geld, so doch mit kleiner Verdienstmöglichkeit. Ein kleiner Bekanntenkreis gleichgesinnter Menschen sorgt auch für Abwechslung. Herr Adolf [Hitler] hat uns alles genommen, nur unser Glauben und Hoffen nicht und ... mein bisschen Humor nicht. Wir dürfen in diesem freien, glücklichen Ländchen sogar wieder herzlich laut lachen, bis wir wieder gemahnt werden an die armen Menschen drüben [in Deutschland]. Herrn M. hat man auch verschleppt und die arme Frau weiß nicht mal wohin, da sie überhaupt nichts von ihm hört. Ob er noch lebt? So gilt auch unsere Sorge allen Lieben daheim. Max und Friedel hatten wir auch früher schon oft aufgefordert zu kommen. Hoffentlich geht alles gut. Nun Ihr Lieben, machts weiter gut.

Lasst Euch noch alle herzlich grüßen und küssen, Euer Vater

Siegmund Meyer schrieb:

Brüssel 1940-4-27

... Uns geht es nach wie vor gut und Ihr braucht Euch auch nach wie vor nicht um uns zu sorgen. Gestern erhielt ich meine Aufenthaltsgenehmigung für weitere 6 Monate bis 12/11.40 verlängert, und kostete dieses Vergnügen 75 Franc. Mutters Genehmigung kann erst im Juni erfolgen. ... Pessach haben wir bis jetzt gut verbracht. Erew gabs [ein] gutes Süppchen mit Mazzenklößen, Bratkartoffeln, Fleisch und Pudding. Beide Tage waren wir abwechselnd einmal in die liberale und am 2. Tage in die ostjüdische Synagoge [gegangen]. In Letzterer hat zum ersten Mal ein Knabenchor fabelhaft gesungen, so wie [auch] der Kantor ein hervorragender Sänger ist. Unsere Wirtsleute sind immer die gleichen famosen Menschen. Die Frau ist schon eine gute Freundin von Mutter. Wir sind hier wie zu Hause. So ist uns in allen Zeiten das Glück hold und wir wollen hoffen, dass es weiter so anhält. Von Richard hatten wir auch einen Brief. Er schrieb, dass sich viele aus Holland das Visum holten, wobei man sich allerdings taufen lassen müsste. Aus H. [Holland] kämen so demnächst 3000 nach dort [nach Palästina?]. Ich habe hier davon noch nichts gehört.

Lasst Euch herzlich grüßen und küssen ... Euer Vater

Zwei Wochen später, am 10. Mai 1940, marschierten deutsche Truppen in Belgien ein. Siegmund Meyer wurde noch am selben Tag bei einer Razzia verhaftet und in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich verschleppt. Im Jahr 1942 wurde er in Auschwitz umgebracht.

Rosa Meyer, seine Ehefrau, wurde ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. -

Ehre ihrem Andenken!


Quellen

Jüdische Geschäftsleute am Schwarzen Bären in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 10.11.2011

Meldeangelegenheit Cammnitzer, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 17.11.2011 mit telefonischer Ergänzung vom 06.12.2011

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/024 Nr. 474

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 776

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 3784

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Illustrierte Rundschau Nr. 32 vom 9. August 1913

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

[Eingestellt am 07.12.2011; zuletzt geändert am 16.03.2013]

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