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Geschwister Kurt und Hildegard Fischer-Goldschmidt

Adresse

Falkenstraße 13+1
30449 Hannover

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Weitere Informationen

Die Geschwister Kurt (* 26. Januar 1905) und Hildegard Fischer-Goldschmidt (* 22. Juni 1909) stammten aus Frankfurt/Main. Kurt, von Beruf Kaufmann, hatte bis zum Tod des Vaters Julius Fischer 1926 in dessen Fell- und Häutefirma gearbeitet und war Anfang Juni 1927 nach Hannover zugezogen. Hildegard war Kindergärtnerin und wohnte zeitweilig in Ahlem.

Ihr Onkel Max Fischer - nach einer anderen Quelle soll er der Großonkel gewesen sein - besaß in Linden die alt eingesessene Firma 'Louis A. Fischer Rohhäute- und Fellhandlung'. Das Firmenkontor befand sich in der Falkenstraße Nr. 13, wo Max Fischer auch privat wohnte. Das Warenlager war in der Limmerstraße Nr. 126A untergebracht. Als Gesamtprokuristen standen Alfred Fischer und Julius Frankenstein in der Verantwortung.

Max und Alfred Fischer waren wahrscheinlich mit dem früheren Lindener Senator Leopold Fischer (1853 bis 1927) verwandt. Leopold und Alfred haben nacheinander in der Niemeyerstraße Nr. 12 gewohnt.

Max Fischer war nicht nur Inhaber der Traditionsfirma 'Louis A. Fischer', sondern auch Eigentümer eines Gebäudekomplexes mit den vier Häusern Falkenstraße Nr. 13+15/Hohe Straße Nr. 16+17. Als er am 27. Januar 1928 verstarb, wurden auch sein Neffe Kurt und seine Nichte Hildegard mit einem Erbteil bedacht.

Nach dem Tod von Max Fischer wurde das Firmenkontor der Rohhäute- und Fellhandlung in die Röttgerstraße (Linden-Nord) verlegt, zwei Häuserblocks vom Warenlager in der Limmerstraße entfernt. Bereits am 7. März 1931 verstarb auch Alfred Fischer im Alter von nur 54 Jahren. Daraufhin wurde die Firma 'Louis A. Fischer' noch im selben Jahr liquidiert.

Hildegard Fischer-Goldschmidt hatte von ihrem Onkel Max die Nutznießung eines größeren Erbanteils erhalten. Das eigentliche Vermögen sollte erst nach ihrem Tod an ihre eigenen Erben ausbezahlt werden. Sie blieb allerdings nicht länger in Hannover, sondern zog am 30. September 1932 wieder zurück in ihre Geburtsstadt Frankfurt/Main. Dort lebte noch die Mutter Dora Goldschmidt, geb. Fischer. Hildegard übertrug ihrer Mutter die Nutznießung ihres Erbteils und wanderte am 11. Juni 1934 nach Palästina aus. Von dort führte ihr Weg weiter in die USA. Aus einem Schreiben des hannoverschen Notars Dr. Paul Siegel an das Oberfinanzpräsidium Hannover vom 15. Februar 1942 geht hervor, dass Hildegard Fischer-Goldschmidt, nun verheiratete Lazer, inzwischen in New York lebte.

Ihr Bruder Kurt war auf dem Erbwege zum Miteigentümer der vier Häuser an der Ecke Falkenstraße/Hohe Straße geworden. In den Adressbüchern der dreißiger Jahre ist er als Verwalter dieser Gebäude verzeichnet. Als Eigentümerin wird die Witwe E. (Elly?) Fischer mit Wohnsitz im Ausland genannt. Privat wohnte Kurt Fischer-Goldschmidt seit dem 6. Januar 1933 in der Lönsstraße Nr. 4 (Zooviertel). Beruflich leitete er die hannoversche Filiale der Fa. Bleichröder & Co. aus Hamburg, die im Versicherungswesen international tätig war.

Am 10. April 1936 ging Kurt Fischer-Goldschmidt in Amsterdam an Bord des Dampfers 'Baarn' der Royal Netherlands Steamship Compagny und reiste - versehen mit einem Rückfahrtbillet - nach Valparaiso. Angeblich beschloss er erst nach seiner dortigen Ankunft, auf Dauer in Chile bleiben zu wollen. Das war jedenfalls die offizielle Version gegenüber den deutschen Behörden. In Wirklichkeit hatte Kurt Fischer-Goldschmidt seine Flucht sorgfältig vorbereitet. Von seiner Mutter hatte er 10.000 RM für die Reise nach Südamerika erhalten und ihr im Gegenzug die Einnahmen aus seinem Miteigentum an den vier Häusern in Hannover-Linden notariell abgetreten. Darüber hinaus hatte er den Kaufmann Hans Wolfes (Inhaber der 'Großhandlung in Brennstoffen Hermann Wolfes', Georgstraße Nr. 16) als Generalbevollmächtigten damit betraut, seine Angelegenheiten in Deutschland zu vertreten.

Zur gleichen Zeit wie Kurt Fischer-Goldschmidt emigrierte seine Verlobte Lili Oppenheimer (* 16. Juli 1907 in Hannover) mit ihren Eltern auf einem anderen Schiff nach Chile. Ihr Vater Richard Oppenheimer war Jude und früher Inhaber des Bankhauses 'Oppenheimer & Müller' gewesen, bis die Firma am 30. Juni 1930 liquidiert werden musste. Ihre Mutter Maria Oppenheimer, geb. Meyer, war keine Jüdin. Lili, die zunächst im Bankhaus ihres Vaters und danach in der Niedersächsischen Landesbank als ausgebildete Fachkraft gearbeitet hatte, wurde dort am 30. Juni 1933 als "Halbjüdin" entlassen. Eine anderweitige Anstellung in ihrem erlernten Beruf wurde ihr aus demselben Grund verwehrt. So beschlossen Lili Oppenheimer und Kurt Fischer-Goldschmidt, die sich in Hannover kennengelernt hatten, nach Chile auszuwandern und dort zu heiraten.

Hans Wolfes, den Kurt Fischer-Goldschmidt zu seinem Generalbevollmächtigten ernannt hatte, musste mit den Finanzbehörden in Hannover zähe Verhandlungen über jede einzelne Transaktion von Geld oder Vermögenswerten führen, die das Eigentum von Kurt Fischer-Goldschmidt betrafen. In erster Linie ging es dabei um die Auszahlung kleinerer Geldbeträge an die Mutter Dora Goldschmidt in Frankfurt, die zunehmend Mühe hatte, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Letztlich beschloss auch Dora Goldschmidt, Deutschland in Richtung Chile zu verlassen. Ein weiteres Mal musste mit der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums Hannover verhandelt werden: Sollte Dora Goldschmidt das bisher ungenutzte Rückfahrtbillet ihres Sohnes Kurt als Reisekostenanteil verwenden dürfen oder nicht? Am 24. April 1939 wurde von der Devisenstelle schließlich die Genehmigung erteilt. Warum die Auswanderung trotzdem nicht zustande kam, lässt sich anhand der archivierten Akten nicht ergründen.

 

Die Häuser Falkenstraße Nr. 13+15 und Hohe Straße Nr. 16+17 waren erheblich mit Hypotheken belastet. Auch aus diesem Grund erschwerte die Devisenstelle jegliche Geldtransaktion von Kurt Fischer-Goldschmidt; "für eventuelle Fälle" verlangte sie, dass ein Sperrguthaben zugunsten der Gläubiger vorgehalten wird. Am 15. April 1941 teilte das Bankhaus Niehus dem Oberfinanzpräsidium Hannover mit, dass die vier Grundstücke an Heinz Reimann (Hannover) verkauft worden seien; ein Barkaufpreis sei dabei nicht erzielt worden. Die Grundstücksverwaltung übernahm Max Handke aus Berlin. Um ausstehende Hypothekenzinsen, Handwerkerrechnungen etc. zu begleichen, wurde noch von dem "Auswandererguthabenkonto" des Kurt Fischer-Goldschmidt ein Betrag von 1.800 RM auf das Verwalter-Sonderkonto von Max Handke überwiesen.

Im Endeffekt ist es der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums Hannover jedoch nicht gelungen, die in Deutschland verbliebenen Vermögenswerte von Kurt Fischer-Goldschmidt vollständig einzuziehen. Das lag vor allem daran, dass der Nachlass des 1928 verstorbenen Max Fischer noch nicht abschließend geregelt war. Dadurch fehlte der genaue Überblick, welche Erbanteile Kurt Fischer-Goldschmidt zuzuordnen waren. Die bittere Pointe ist dabei: Die Nachlassregelung zog sich immer mehr in die Länge, weil die drei jüdischen Testamentsvollstrecker während des Naziregimes zuerst aus dem Berufsleben gedrängt und schließlich deportiert wurden. Der nachfolgende Testamentsvollstrecker Dr. Paul Siegel, der als Jude die Nazizeit überlebt hat, teilte im Juli 1948 dem Oberfinanzpräsidium Hannover mit, dass alle drei umgekommen seien. Einer von ihnen war der 82-jährige Julius Frankenstein, der - wie oben erwähnt - zusammen mit Alfred Fischer als Gesamtprokurist der Firma 'Louis A. Fischer Rohhäute- und Fellhandlung' tätig gewesen war.

Kurt Fischer-Goldschmidt und Lili Oppenheimer hatten nach ihrer Flucht bzw. Emigration aus Deutschland die chilenische Staatsbürgerschaft angenommen. Sie heirateten am 8. Januar 1938. Nachdem Kurt zunächst als Angestellter mit gesetzlichem Mindestgehalt bei der Firma Lichtenstein & Silberberg in Santiago Arbeit gefunden hatte, konnte er sich mit Hilfe von Lilis Verwandten selbständig machen und eine kleine Etuifabrik erwerben.

Aber die erzwungene Flucht aus Deutschland und die ungewohnte chilenische Mentalität hinterließen bei Kurt Fischer-Goldschmidt tiefe Spuren. Seit 1937 musste er sich wiederholt wegen schwerer Depressionen in Behandlung begeben. Phasenweise litt er unter Verfolgungswahn und fühlte sich mit dem Tode bedroht. Dann ereilte ihn im Herbst 1942 die Nachricht, dass seine Mutter Dora Goldschmidt, die nicht nach Chile hatte ausreisen dürfen, in einem Konzentrationslager ums Leben gekommen war. Kurt Fischer-Goldschmidt wurde mehrfach ins Krankenhaus eingewiesen und mit Elektroschocks behandelt, die angeblich eine leichte Besserung seiner Gesundheitszustands bewirkten.

Ein Lichtblick mag gewesen sein, als Lili und Kurt Fischer-Goldschmidt am 29. August 1944 Eltern eines Sohnes wurden. Der Junge erhielt den Namen Thomas Julio. Als junger Mann studierte er später an der landwirtschaftlichen Schule 'Sagrada Familia'.

Aber die Depressionen ließen Kurt Fischer-Goldschmidt nicht los. Der Chefarzt des psychiatrischen Krankenhauses in Santiago de Chile, Dr. Octavio Peralta, berichtete später, er habe seinen Patienten auf die Notwendigkeit hingewiesen, seine Haltung gegenüber den Tatsachen zu ändern, und ihn "zu einer logischen und realistischen Betrachtung der Dinge" aufgefordert. Der habe daraufhin, sichtlich betroffen, geantwortet:

Welche andere Haltung kann ein verfolgter und erniedrigter Mensch annehmen, wenn er weiß, dass seine Mutter in einem Konzentrationslager ein fürchterliches Ende fand?

Kurt Fischer-Goldschmidt hat sich am 27. Juni 1959 während einer ambulanten Behandlung mit Barbitursäurepräparaten und Leuchtgas das Leben genommen. Er starb an einer Gasvergiftung.

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010 mit telefonischer Ergänzung vom 17.02.2011

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/024 Nr. 34

NLA-HStAH, Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/025 Nr. 299

NLA-HStAH, Signatur: Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 129520

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

[Eingestellt am 11.02.2011; zuletzt geändert am 21.09.2014]

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