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Familie Gertrud und Max Palmbaum

Adresse

Schwarzer Bär 8
30449 Hannover

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Weitere Informationen

Die Familie Gertrud und Max Palmbaum hat zwischen 1934 und 1938 in der Deisterstraße Nr. 8 gewohnt, dem markanten Jugendstilgebäude am Schwarzen Bären. (Das Haus wurde im Oktober 1943 durch Brandbomben schwer beschädigt und Anfang der fünfziger Jahre abgerissen. Der anschließend errichtete Neubau hat seit 1953 die Adresse Schwarzer Bär Nr. 8.)

Vermutlich war die Verlegung des Wohnsitzes nach Linden für die Familie Palmbaum eine Vorsichtsmaßnahme, nämlich ein Rückzug an die Peripherie Hannovers. Ursprünglich war das Ehepaar im Stadtzentrum als Kaufleute tätig. Gertrud Palmbaum, geb. Rosenthal (* 30. Mai 1894 in Göttingen), besaß seit 1931 in der Marktstraße Nr. 61 ein Geschäft mit dem Namen 'Der kleine Pelzladen'. Max Palmbaum (* 18. Januar 1890 in Hildesheim) war bereits in den zwanziger Jahren Inhaber der Firma 'Hermann Ehrlich Fell-, Häute- und Darmhandlung' in der Neuen Straße Nr. 11 (Calenberger Neustadt) und zugleich Eigentümer dieses Hauses. (Die Neue Straße existiert heute nicht mehr. Sie wurde beim Wiederaufbau Hannovers nach dem zweiten Weltkrieg überplant.)

Privat lebten die Eheleute bis 1928 in der Bödekerstraße Nr. 57 (Hannover-Oststadt) und anschließend in der Podbielskistraße Nr. 4, nahe am Lister Platz. Ihre Söhne Werner, Rolf und Helmut waren alle drei gebürtige Hannoveraner.

Anfang 1935 brachte Heinz Siegmann, NSDAP-Mitglied und Leiter der antisemitischen 'Stürmer-Freunde-Hannover', in seinem Sieg-Verlag mit Sitz in der Georgstraße Nr. 46 eine Liste "Juden in Hannover" heraus. Ihr Inhalt: "Jüdische, jüdisch versippte und getarnte Firmen, Geschäfte, Händler, Handwerker, Banken, Rechtsanwälte, Aerzte und Einzelpersonen usw. usw. in Hannover". Das Vorwort des Herausgebers lautete:

Ausländische Zeitungen bringen immer noch Nachrichten über Greuel, die in Deutschland an Juden angeblich verübt worden sind, bzw. heute noch verübt werden. Um zu beweisen, daß alle diese Meldungen Lügen sind und daß den in Deutschland lebenden Juden niemals etwas Böses geschah bzw. heute noch geschieht, bringt der Verlag diese Liste heraus. Wer kann beweisen, daß an folgenden Juden in Hannover jemals Greuel verübt worden sind?

Die zweiseitige Liste ist nach Branchen geordnet. Sie enthält Personen- und Geschäftsnamen samt Adressen. Auch Gertrud Palmbaum mit ihrem 'Kleinen Pelzladen' in der Marktstraße Nr. 61 ist darin aufgeführt.

Die ganze Scheinheiligkeit des Vorworts wird nicht zuletzt daran deutlich, dass Heinz Siegmann zum Schluss eine "wichtige Anordnung" der NSDAP-Reichsleitung vom 16. August 1934 abdruckte. Darin wurde den Parteimitgliedern der berufliche und öffentliche Umgang mit Juden weitgehend verboten und bei Verstößen eine parteigerichtliche Ahndung angedroht. Zur Begründung hieß es:

Die Partei hat im Kampf gegen die Vorherrschaft des volkszerstörenden jüdischen Geistes in Deutschland ungeheure Opfer bringen müssen und muß es als  w ü r d e l o s  verurteilen, wenn zu einer Zeit, da immer noch Millionen deutscher Volksgenossen im Elend leben, Parteigenossen für  d i e  eintreten, die namenloses Unglück über unser deutsches Volk gebracht haben.

Als die Liste von Heinz Siegmann erschien, war Familie Palmbaum bereits nach Linden in die Deisterstraße Nr. 8 umgezogen. Max Palmbaum musste sein Geschäftshaus in der Neuen Straße wegen Überschuldung an die Hannoversche Lebensversicherung AG verkaufen. 'Der kleine Pelzladen' in der Marktstraße blieb noch bis 1938 in den Adressbüchern verzeichnet. Im selben Jahr ist das Ehepaar Palmbaum mit seinen drei Söhnen nach Südamerika ausgewandert. Die Abmeldung bei der Stadt Hannover datiert vom 15. September 1938.

Fast auf den Tag genau fünf Jahre später, am 18. September 1943 ist Max Palmbaum im Alter von 53 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Buenos Aires (Argentinien) verstorben. Die Todesanzeige erschien am 5. November 1943 in der deutsch-jüdischen Zeitung 'Aufbau' in New York.

Quellen

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010 mit ergänzender telefonischer Auskunft vom 24.02.2011

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Todesanzeige für Max Palmbaum unter: freepages.genealogy.rootsweb.ancestry.com/~alcalz/aufbau/1943/1943pdf/j9a45s19.pdf

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover




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