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Familie Helene und Abraham (Adolf) Peczon (Petzon)

Adresse

Schwarzer Bär 4
30449 Hannover

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Das Ehepaar Helene und Adolf Peczon gründete im Jahre 1895 in Linden die 'Petzon-Schuh-Gesellschaft'. Laut Eigenwerbung im "Buch der alten Firmen der Stadt Hannover im Jahre 1927" hatte sich das Unternehmen bis dato aus kleinen Anfängen zum "größten Schuhhaus der Stadt und Provinz Hannover" entwickelt.

Helene Peczon, geb. Allerhand, wurde am 1. Mai 1862 in Krakau geboren. Die polnische Stadt (heute Krakow), die seinerzeit vom Habsburgerreich annektiert war, besaß einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil von über 30% (siehe de.wikipedia.org/wiki/Krakau). Helene Peczon war vermutlich die treibende Kraft der 'Petzon-Schuh-Gesellschaft'. Beim Firmeneintrag in den hannoverschen Adressbüchern lautet ihre Bezeichnung: "Inhaberin Ehefrau Helene Petzon, geb. Allerhand".

Ihr Ehemann Abraham Peczon (* 10. Januar 1868) stammte aus dem Ort Wolkowicz in Russland. In den hannoverschen Adressbüchern wird sein Name zumeist mit Adolf Petzon angegeben, so wie auch in der eingangs zitierten Reklame aus dem Jahr 1927. Dabei dürfte es sich um eine "eingedeutschte" Fassung seines Namens handeln. Nach den archivierten Unterlagen der Stadt Hannover war er von Beruf Althändler und Kaufmann. Im Adressbuch von 1912 steht als Berufsbezeichnung: Auktionator und Taxator.

Erich Peczon, der Sohn, wurde am 5. Januar 1897 in Linden geboren. Zu jener Zeit wohnte die Familie in der Blumenauer Straße Nr. 28.

Das Schuhgeschäft befand sich unmittelbar am Schwarzen Bären in der Blumenauer Straße Nr. 1. Im Adressbuch von 1912 sowie in einer Reklame in der 'Illustrieren Rundschau' vom 9. August 1913 werden zwei weitere Filialen benannt. Die eine lag im hannoverschen Zentrum in der Limburgstraße Nr. 7 und die andere am Engelbosteler Damm, wobei das Adressbuch von 1912 die Haus-Nr. 118 angibt und die Reklame von 1913 die Haus-Nr. 117.


Das Stammgeschäft in Linden wurde kurz darauf vis-a-vis in das neu errichtete Eckhaus Deisterstraße Nr. 4/Ecke Blumenauer Straße (heute: Schwarzer Bär Nr. 4) verlegt. Unmittelbar benachbart im selben Gebäude bezog auch das 'Kaufhaus Eduard Wolff' seine neuen Räume.

Privat verlegte die Familie Peczon ihren Wohnsitz von Linden in die Südstadt mit der Adresse Auf dem Emmerberge 30 A. Sohn Erich hatte inzwischen wie sein Vater den Beruf des Kaufmanns ergriffen. Abraham (Adolf) Peczon verstarb bereits im Alter von 57 Jahren am 19. Mai 1925.

Seine Ehefrau Helene führte die 'Petzon-Schuh-Gesellschaft' weiter. Im Adressbuch von 1927/28 sind nach wie vor drei Filialen verzeichnet, und zwar in der Deisterstraße Nr. 4 am Schwarzen Bären sowie in der Limburgstraße Nr. 7 und der Karmarschstraße Nr. 6 im hannoverschen Stadtzentrum. Der geschäftliche Erfolg blieb Helene Peczon offenbar treu.

Erst in den Jahren 1929/30 änderte sich das Bild. Die Filiale in der Karmarschstraße wurde geschlossen. Im Adressbuch von 1930 steht Helene Peczon, die inzwischen 68 Jahre alt war, nicht mehr mit ihrem Namen für die Firma. Vermutlich hatte sie das Unternehmen inzwischen verkauft, denn privat ist sie nur noch als Kaufmannswitwe verzeichnet. In den Folgejahren wechselte sie mehrfach ihren Wohnsitz innerhalb des Stadtteils List, zuletzt in den Wittekamp Nr. 54. Am 21. Februar 1936 ist Helene Peczon, geb. Allerhand, in Hannover verstorben.

Erich Peczon hat die Firma seiner Mutter nicht übernommen. Es fragt sich, ob die antisemitische Nazi-Propaganda jener Jahre - u. a. gegen das unmittelbar benachbarte 'Kaufhaus Eduard Wolff' in der Deisterstraße Nr. 4 - Einfluss auf seine Entscheidung gehabt hat. Ob die 'Petzon-Schuh-Gesellschaft' von Boykottaufrufen der Nationalsozialisten betroffen war, wissen wir nicht. Erich Peczon und seine Ehefrau Käthe, geb. Seldis (* 21. April 1900 in Berlin), haben Hannover Ende Februar 1933 verlassen und ihren Wohnsitz nach Trier verlegt. Das war knapp einen Monat nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten.

Die 'Petzon-Schuh-Gesellschaft' blieb in den Adressbüchern von 1931 und 1932 weiterhin mit den beiden langjährigen Geschäftsstandorten Deisterstraße Nr. 4 und Limburgstraße Nr. 7 verzeichnet. Für 1932 sind als Inhaber Max Goldmann & Co. angegeben. Mit dem Adressbuch von 1933 erlischt der Firmenname Petzon. Die geschäftliche Nachfolge in der Deisterstraße Nr. 4 am Schwarzen Bären trat zunächst die 'Globus-Schuhe A.-G.' an, wenige Jahre später dann die Firma 'Gisy-Schuhe'.

Quellen

Meldeangelegenheit Sock/Petzon, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 20.01.2011

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 13.01.2011

Illustrierte Rundschau Nr. 32 vom 9. August 1913

Das Buch der alten Firmen der Stadt Hannover im Jahre 1927, von P. Siedentopf, Leipzig 1927

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

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