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Familie Hermann und Paula Plaut

Adresse

Minister-Stüve-Straße 2
30449 Hannover

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Weitere Informationen

In den hannoverschen Adressbüchern für die Jahre 1940 und 1941 sind drei jüdische Familien unter der Adresse Minister-Stüve-Straße Nr. 2 verzeichnet. Eine davon war die Familie Plaut. Nach den vorliegenden Meldedaten kam sie am 3. April 1939 von Groß Rhüden (Kreis Gandersheim, heute Landkreis Goslar) nach Hannover-Linden. 

Hermann Plaut wurde am 1. Januar 1876 in der Kleinstadt Frankenau in Hessen geboren. Seine Ehefrau Paula (* 15. April 1881) war eine geborene Cohnheim.  Nach den uns vorliegenden Informationen hatten sie drei Kinder, nämlich die beiden Töchter Lucie (* 5. August 1905) und Gerda (* 22. Oktober 1906) sowie einen Sohn namens Rudolf (14. Juni 1910).

Von Beruf war Hermann Plaut Kaufmann. Er besaß in Groß Rhüden über viele Jahre ein eigenes Textilgeschäft. Während des ersten Weltkriegs stand er als deutscher Soldat im Felde. Dort wurde er zum Unteroffizier befördert und mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.

Wie Almuth Lessing  und Rüdiger Kröger berichten (siehe Quellenverzeichnis), lebten in Groß Rhüden nach 1910 nur noch zwei jüdische Familien. Die Verwaltung der Synagogengemeinde für die Orte Bockenem, Groß Rhüden, Lamspringe und Sottrum, die sich seit 1829/30 in Groß Rhüden befunden hatte, war bereits einige Jahre zuvor nach Lamspringe verlegt worden. Der letzte Vorsteher dieser Synagogengemeinde war Hermann Plaut.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Haus der Familie samt dem dazu gehörenden Textilgeschäft vollständig demoliert. Almuth Lessing und Rüdiger Kröger weisen darauf hin, dass sich unter den Tätern auch SA-Mitglieder befunden haben, die Bekannte der Familie Plaut waren.

Nachdem ihnen jede Lebensperspektive gewaltsam genommen worden war, blieb zwangsläufig nur die Flucht aus Groß Rhüden. Am 19. März 1939 gelang es Hermann Plaut noch, seine 11-jährige Enkelin mit einem Kindertransport nach England zu schicken. Es dürfte sich um das Kind der älteren Tochter Lucie, die inzwischen eine verheiratete Banw war, gehandelt haben. Zwei Wochen später siedelten Hermann und Paula Plaut mit Tochter Lucie und Sohn Rudolf nach Hannover-Linden über.

Die jüngere Tochter Gerda war bereits am 16. Mai 1938, also ein halbes Jahr vor dem Novemberpogrom, von Groß Rhüden nach Hannover verzogen, um dort als Hausangestellte zu arbeiten. Am 15. Juli 1939 reisten Lucie Banw, geb. Plaut, und ihre Schwester Gerda nach London aus.

Hermann, Paula und Rudolf Plaut mussten am 4. September 1941 zwangsweise von der Minister-Stüve-Straße Nr. 2 in eines der hannoverschen "Judenhäuser" in der Herschelstraße Nr. 31 (Hannover-Mitte) umziehen. Mit Datum vom 13. November 1941 füllte Hermann Plaut die Vermögenserklärung aus, mit der er dem Oberfinanzpräsidium Hannover Auskunft über seine Lebensverhältnisse und die seiner Familie geben musste. Demnach war er seinerzeit ohne Beruf, nachdem er zuletzt bei der Firma Willig Bürobedarf in der Münzstraße Nr. 7 gearbeitet hatte. Der Familienunterhalt musste offensichtlich aus Ersparnissen gedeckt werden. Zusätzlich unterstützte Hermann Plaut mit monatlich 200 RM seine Schwägerin Rosa Cohnheim, die aus Hannover in die USA emigiert war.

Paula Plaut, geb. Cohnheim, verstarb am 11. Dezember 1941 im Alter von 60 Jahren. Über die näheren Todesumstände wissen wir nichts.

Nur vier Tage später, am 15. Dezember 1941, wurden der 65-jährige Hermann Plaut und sein 31-jähriger Sohn Rudolf von Hannover nach Riga deportiert. Sie sind beide umgekommen. Für Hermann Plaut wird in den Unterlagen der Stadt Hannover als Todestag der 30. November 1942 angegeben.

Bereits Mitte Februar 1942 hat das Oberfinanzpräsidium Hannover damit begonnen, das "dem Deutschen Reich verfallene Vermögen" von Hermann Plaut einzuziehen. Die Unterlagen, die dazu im Hauptstaatsarchiv verfügbar sind (siehe Quellenverzeichnis), lassen erkennen, dass die Transaktionen zwischen Finanzbehörde, Bank und Versicherung reibungslos und routiniert über die Bühne gegangen sind:

- Die Dresdner Bank überwies an die Staatskasse 3.048 RM, die auf einem Sicherheitskonto für die Schwägerin Rosa Cohnheim deponiert waren, und weitere knapp 1.800 RM in Wertpapieren. Das Finanzamt Hannover-Goetheplatz versäumte nicht, davon 115 RM als rückständige Steuern einzubehalten.
- Die Friedrich Wilhelm Lebensversicherungs-AG steuerte den Rückkaufwert der Lebensversicherung von Hermann Plaut in Höhe von 260 RM bei, nachdem sie zuvor einen Darlehensanteil von 400 RM abgezogen hatte.
- Außerdem erbrachte die "Verwertung des Umzugsguts", also der Verkauf der zurück gebliebenen Wohnungseinrichtung weitere 192,50 RM, die die Staatskasse vereinnahmte.

Die Namen von Hermann und Rudolf Plaut sind auf dem Mahnmal am hannoverschen Opernplatz verzeichnet. Paula Plaut, die unmittelbar vor der Deportation verstorben war, ist auf dem jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld bestattet.


Quellen

Groß Rhüden / Lamspringe, von Almuth Lessing und Rüdiger Kröger, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Band I, herausgegeben von Herbert Obenaus in Zusammenarbeit mit David Bankier und Daniel Fraenkel, Göttingen 2005, Seite 681-688

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010 mit telefonischen Ergänzungen vom 03.02.2011, 08.04.2011 und 06.06.2011

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Anfrage wegen zwei jüdischer Grabstätten, schriftliche Mitteilung von Dr. Peter Schulze per e-mail vom 15.02.2011

Niedersächsisches Landesarchiv - Hauptstaatsarchiv Hannover (NLA-HStAH), Signatur: Hann. 210 Acc. 2004/023 Nr. 633

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

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