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Familie Walter und Ilse Sochaczewski

Adresse

Schwarzer Bär 6
30449 Hannover

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Dr. med. Walter Sochaczewski führte in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren am Schwarzen Bären eine der größten Kinderarztpraxen Hannovers. Sein besonderes Interesse galt der Sozialpädiatrie. Dieser medizinische Fachbereich kümmert sich mit einem ganzheitlichen Ansatz um die Behandlung von Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

Walter Sochaczewski (* 18. Mai 1881) stammte aus Breslau. Sein Medizinstudium in verschiedenen deutschen Städten schloss er im Jahre 1907 mit der Approbation zum Arzt und der Doktorarbeit an der Universität Jena erfolgreich ab. Während des ersten Weltkriegs war Dr. Sochaczewski im Rang eines Oberstabsarztes medizinisch tätig. Für seinen Einsatz wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Seine Ehefrau Ilse, geb. Meyerstein (* 24. Oktober 1892), kam aus Banteln bei Gronau/Leine (heute Landkreis Hildesheim). Nach der Heirat im Jahre 1919 führte der gemeinsame Weg des Ehepaares 1922 von Berlin nach Hannover. Die Kinderarztpraxis von Dr. Walter Sochaczewski befand sich bis 1927 in der Deisterstraße Nr. 1 direkt an der Ihmebrücke. Dann wurde sie in das Gebäude Deisterstraße Nr. 6/Ecke Minister-Stüve-Straße verlegt. Walter Sochaczewski war sozial sehr engagiert. Er versorgte des Öfteren einkommensschwache Familien mit Naturalien und Kleidungsstücken und behandelte deren Kinder zuweilen kostenlos.


Privat wohnte das Ehepaar Sochaczewski mit den beiden Töchtern Barbara (* 9. Juli 1922) und Elise (* 25. Juli 1925) bis Anfang 1931 in der Haarstraße Nr. 4A, in der Nähe des hannoverschen Neuen Rathauses, und anschließend in der Rühmkorffstraße Nr. 18 (Hannover-List). Das Familienleben war von gehobenem Bildungsbürgertum geprägt, mit großer Bibliothek und Klavierkonzerten in der eigenen Wohnung.

Doch Walter Sochaczewski nahm bereits frühzeitig wahr, welche Entwicklungen sich mit dem Ende der Weimarer Republik und dem Machtantritt der Nationalsozialisten anbahnten. Als politisch interessierter Mensch, der den Sozialdemokraten nahe stand, registrierte er die wachsende Bedrohung sehr genau. Ihm wird auch nicht entgangen sein, dass sein Name und die Adresse seiner Praxis 1935 in der Liste "Juden in Hannover" des Antisemiten Heinz Siegmann verzeichnet waren.

Ein Polizist, dessen Kind Dr. Walter Sochaczewski behandelt hatte, warnte ihn vor einer nahenden Verhaftung und Deportation. Daraufhin organisierte er für seine Familie und sich die Flucht ins Ausland. Im Juli 1936 überschritt Walter Sochaczewski mit Hilfe von Schleusern die grüne Grenze von Deutschland nach Holland. Wenige Tage später gelangten seine Ehefrau und die beiden Töchter mit dem Zug unbehelligt nach Zürich.

Die Familie versuchte sich zunächst in der belgischen Hauptstadt Brüssel im Exil einzurichten. Mit Hilfe eines befreundeten Diplomaten war es Walter Sochaczewski gelungen, wenigstens einen Teil seines Vermögens ins Ausland zu retten. Dafür wurde er vom Finanzamt Hannover-Linden "wegen Reichsfluchtsteuer" steckbrieflich gesucht.



Das Ehepaar Sochaczewski gelangte schon bald zu der Überzeugung, dass das belgische Exil nicht auf Dauer Schutz vor Verfolgung bieten würde - eine absolut realistische Einschätzung, wie sich einige Jahre später für viele jüdische Flüchtlinge herausstellen sollte. Nicht nur, dass das nationalsozialistische Deutschland in Reichweite lag; auch in Belgien selbst machte sich eine faschistische Bewegung bemerkbar, die "Mouvement National Rexiste" des Wallonen Léon Degrelle. So verließ die Familie Sochaczewski bereits 1937 von Antwerpen aus Europa mit dem Schiff und flüchtete weiter nach Brasilien.

Dr. Walter Sochaczewski hat seine deutsche Heimat, an der ihm so viel gelegen war, nicht wieder betreten. Er starb Anfang 1950 in Brasilien im Alter von 69 Jahren.

Seine Tochter Barbara Dreyfuss hat am 26. Oktober 2010 in unserer Veranstaltung "Rund um den Schwarzen Bären" mit einem persönlichen Gedicht das Leben ihres Vaters gewürdigt. Ihr Vortrag ist in einem Youtube-Video über die Veranstaltung dokumentiert.

Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Volker Simmendinger hat sich Barbara Dreyfuss über Monate dafür eingesetzt, dass vor der Rühmkorffstraße Nr. 18, dem letzten privaten Wohnsitz der Familie in Hannover, zwei Stolpersteine für ihre Eltern Dr. Walter und Ilse Sochaczewski verlegt werden. Die Landeshauptstadt Hannover hatte sich jedoch lange Zeit nicht entschließen können, die Verlegung zu genehmigen. Oberbürgermeister Stephan Weil und Kulturdezernentin Marlis Drevermann sahen sich formal an einen Ratsbeschluss gebunden, wonach die Stolpersteine nur Opfern des Naziregimes vorbehalten sein sollten, die unmittelbar durch die Verfolgung ums Leben gekommen sind. Allerdings sieht das Konzept des Künstlers und Initiators der Stolpersteine, Gunter Demnig, eine derartige Einschränkung nicht vor. Erst im Mai 2011 hat die Landeshauptstadt Hannover - nach Rücksprache mit anderen deutschen Städten - ihre Haltung geändert.

Die Stolpersteine für das Ehepaar Dr. Walter und Ilse Sochaczewski wurden am 6. Oktober 2011 verlegt. Der Heimatforscher Bernd Sperlich hat dazu einen Bericht geschrieben, der unter folgender Internetadresse abgerufen werden kann: www.myheimat.de/hannover-list-oststadt/politik/ehrung-fuer-dr-walter-und-ilse-sochaczewski-d2331621.html/action/lesen/1/recommend/1/  

Quellen

Jüdische Kinderärzte 1933 - 1945, von Eduard Seidler, Verlag Karger (Basel), erweiterte Neuauflage 2007

Die Flucht des Dr. Walter Sochaczewski, von Thorsten Fuchs, Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 8. November 2007

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Stadt lehnt Stolpersteine ab, von Simon Benne, Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 10. Februar 2011

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

Telefonische Auskünfte von Volker Simmendinger (Hamburg) vom 15. März 2011

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