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Volksschule

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Hennigesstraße 3
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[Foto 2010: Michael Jürging]

[Foto 2010: Michael Jürging]

Volksschule

[Station 3 der Tour "Unvollständige Rückkehr an vergangene Orte"]

In der fünften Klasse der Volksschule mussten wir einen Aufsatz schreiben: Mein Schulweg. Ich zeichnete ihn auf unter dieser Überschrift. Die Straßennamen schrieb ich daneben: Limmerstraße, Pfarrlandstraße, Elisenstraße, Velvetstraße. Er sah aus wie eine Treppe, die hinunter führt.

Vier Jahre lernte ich da schon die Angst in der vierten Reihe als zweiter von links.

Im Rechnen hatten wir einen Lehrer, der sich einen Spaß daraus machte, wenn wir über den Aufgaben saßen, die er uns gestellt hatte, im wassergefüllten Ziegel am Heizkörper eine Pipette aufzuziehen, dann langsam durch die Reihen zu gehen und plötzlich das heiße Wasser einem Schüler auf den gebeugten Nacken zu spritzen.

Er suchte sich immer die größten oder die dümmsten Jungen aus.

Auf einen hatte er es besonders abgesehen, den nannten wir Mokka. Er hatte mit zehn Jahren schon eine tiefe Stimme und auf den Wangen und am Kinn wuchsen ihm viele weiche, blonde Haare.

Wahrscheinlich kam er so oft an die Reihe, weil er sich, wenn er den Schmerz spürte, nicht wie die anderen beherrschte, sondern laut aufschrie, sich am Boden wälzte, so dass der Lehrer, der vollkommen ahnungslos tat, ihn aufheben und tröstend streicheln konnte.

Darüber lachte ich wie meine Mitschüler und fürchtete mich, obwohl ich in den ganzen Jahren nicht ein einziges Mal drankam.

...

Im Musikunterricht mussten wir der Lehrerin in jeder Stunde einzeln vorsingen. Immer wieder nahm sie Mokka an die Reihe. Er ging dann ganz nach vorn an die Tafel, stellte sich vor der Klasse auf, sang mit voller Stimme: Heidewitzka, Herr Kapitän. Mit dem Fuß stampfte er den Takt, schunkelte mit dem Oberkörper und dirigierte mit der rechten Hand einen unsichtbaren Chor, den wohl nur er und ich hören konnten.

...

Oft war ich mit meinen Gedanken woanders. Auf den Unterricht konnte ich mich nicht konzentrieren. Bei Diktaten vergaß ich so viele Buchstaben an den Enden der Wörter, und ä- und ö- und ü-Striche, dass sie alle ungenügend waren.

Häufig meldete ich mich und behauptete, mal austreten zu müssen. Dabei wollte ich nur auf den stillen, rot gefliesten Flur hinaus, mit den Kleiderhaken und den Klassentüren auf der einen und den hohen Fenstern auf der anderen Seite.

In einem Winkel blieb ich in einer Fensternische stehen, in der ich nur schwer entdeckt werden konnte. Ich sah auf die belebte Straße hinunter und wünschte mir einer der Menschen zu sein, die dort draußen gingen und nicht zurück in den Unterricht mussten.

...

Wegen meiner schlechten Leistungen in der Schule bekam ich Nachhilfestunden bei einem Lehrer, der nur in den ersten Stunden mit mir übte. Dann ließ er mich hauptsächlich erzählen.

Er hörte mir zu, rauchte Zigaretten und schenkte mir die Bildergutscheine aus der Packung. Ich sammelte Tiere der Heimat, bekam aber vom Verlag viele  Bilder doppelt zugeschickt und fand niemanden zum Tauschen, wie es in dem Begleitschreiben vorgeschlagen wurde.

Bald gab ich das Sammeln auf. Verschwieg es aber dem Lehrer und ließ mir auch weiterhin die Gutscheine schenken, was er in keiner Stunde vergaß.

Gegen Ende des Schuljahres waren meine Leistungen so gut geworden, dass ich die Aufnahmeprüfung zur Mittelschule bestand. Damit hörten die Nachhilfestunden auf.

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