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Gebrüder Eduard und Albert Wolff

Adresse

Schwarzer Bär 4
30449 Hannover

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Die Brüder Eduard und Albert Wolff stammten aus der kleinen Ortschaft Oesdorf, einem heutigen Stadtteil von Bad Pyrmont. Albert, der Ältere von beiden, wurde dort am 26. Januar 1866 geboren. Eduard folgte am 24. September 1867.

Beide ergriffen den Beruf des Kaufmanns. In jungen Jahren waren sie zeitweilig in Berlin tätig. Im Jahre 1896 gründeten sie ein gemeinsames Unternehmen in Linden. Das wohlsortierte Kaufhaus am Schwarzen Bären in der Deisterstraße Nr. 14 trug den klangvollen Namen 'Berliner Warenhaus'. Das Geschäft florierte prächtig. Bereits im April 1898 eröffneten die Brüder eine Zweigstelle am Engelbosteler Damm Nr. 38/Ecke Sandstraße (Hannover-Nordstadt). Die Zweigstelle musste schon kurz darauf erweitert werden, und so kauften Albert und Eduard Wolff zunächst das Haus, um es 1901 abzureissen und durch einen geräumigen Neubau zu ersetzen. Außerdem eröffneten sie in der Umgebung Hannovers weitere Filialen. Auch die Räume in der Deisterstraße Nr. 14 wurden bald zu klein, so dass das Stammgeschäft in Linden 1904 in die Deisterstraße Nr. 3 (heute: Schwarzer Bär Nr. 3) nahe der Ihmebrücke verlegt wurde.

Im Jahre 1906 teilten die Brüder ihr Unternehmen auf und gingen geschäftlich getrennte Wege. Albert Wolff übernahm die Zweigstelle am Engelbosteler Damm und die Filialen im hannoverschen Umland und führte sie unter dem Namen 'Berliner Warenhaus' weiter. Sein Bruder behielt das Stammgeschäft in Linden, das er in 'Kaufhaus Eduard Wolff' umbenannte.



Dank des großen Kundenzuspruchs dauerte es nicht lange, und am Schwarzen Bären musste nochmals nach größeren Geschäftsräumen gesucht werden. So wechselte das 'Kaufhaus Eduard Wolff' 1913 die Straßenseite und zog von der Deisterstraße Nr. 3 in die Nr. 4, einen Neubau an der Ecke Blumenauer Straße. Zusammen mit seiner Ehefrau Rosalie, geb. Oppenheim (* 6. Oktober 1870 in Kassel), bezog Eduard Wolff im selben Haus (heute: Schwarzer Bär Nr. 4) auch eine Privatwohnung.

Im Jahre 1918 nahm er seinen Schwiegersohn Fritz Casparius als Teilhaber in das Geschäft auf. In ähnlicher Weise beteiligte Albert Wolff seinen langjährigen Mitarbeiter Hermann Werblowski ab 1920 an der Firma und machte ihn 1924 zum Geschäftsführer des 'Berliner Warenhauses'. Hermann Werblowski (* 11. Juni 1889) stammte aus Leipzig und war ebenfalls Kaufmann von Beruf.

Der allgemeine Geschäftserfolg der Kauf- und Warenhäuser wurde vom Einzelhandel aus Sorge um den eigenen Umsatz mit Argwohn betrachtet. Die Nationalsozialisten machten sich die Konkurrenzangst der Einzelhändler bereits in den zwanziger Jahren zu Nutze. Sie agitierten in Wort und Schrift gegen die "Warenhauspolypen", wobei die politischen Kampfparolen zunehmend antisemitisch eingefärbt wurden. Der Historiker Florian Grumblies, der seit längerem zur "Arisierung" jüdischer Kauf- und Warenhäuser und zur späteren "Wiedergutmachung" in Hannover forscht, weist jedoch darauf hin, dass von den damaligen Geschäften, die dem Namen und dem Sortiment nach der Kategorie "Warenhaus" zugeordnet werden konnten, sich kaum eines im Besitz eines jüdischen Geschäftsmannes befunden hat. "Dessen ungeachtet weiteten die Nationalsozialisten auch in Hannover die antimoderne Warenhauskritik des Mittelstands auf jüdische Geschäfte aus", so Florian Grumblies in seiner Magisterarbeit (siehe Quellenverzeichnis). "Die jüdischen Geschäftshäuser 'Sternheim & Emanuel', 'Molling & Co', 'Elsbach & Frank' sowie 'Eduard Wolff' wurden deshalb schon im Januar 1928 in den nationalsozialisten 'Kampf gegen Warenhauspolypen und Konsumvereinsschmarotzer' mit einbezogen. Zusammen mit den Filialen des Kartstadt-Konzerns und dem 'Berliner Warenhaus' wurden sie anlässlich des 'Saisonausverkaufs' in einem Flugblatt der NSDAP als 'Raubinstitute' verunglimpft, ihre Geschäftsmethoden als 'Betrugsmanöver' und 'Schwindel' gebrandmarkt und es wurde ihnen vorgeworfen, sie 'plünderten die Deutschen systematisch aus'."


[Hinweis zu den beiden vorstehenden Flugblättern: Das Archivgut ist Eigentum des Niedersächsischen Landesarchivs. Ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Niedersächsischen Landesarchivs dürfen dieses Abbildungen nicht gespeichert, reproduziert, archiviert, dupliziert, kopiert, verändert oder auf andere Weise genutzt werden.]

Matthias Wenzel, dessen Familie seit 1916 in der Nähe des Schwarzen Bären ansässig ist, weiß aus den Erinnerungen seines Vaters von einer Flugblattaktion gegen das 'Kaufhaus Eduard Wolff' um 1929 zu berichten. Demnach verteilte damals ein etwa 15-jähriges Mitglied der Hitlerjugend antisemitische Handzettel auf der Ihmebrücke. Direkt vor dem Geschäft mochte er sich nicht postieren. Zufällig kam ein Trupp des 'Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold', das den Sozialdemokraten nahe stand, vorbei. Die Schmähschriften landeten daraufhin kurzerhand in der Ihme. Dem HJ-Mitglied soll aber nichts weiter passiert sein.

Gleichwohl verfehlte die nationalsozialistische Propaganda nicht ihre Wirkung. Florian Grumblies schreibt dazu: "Schon lange Zeit vor der 'Machtergreifung' machten sich speziell die gegen Warenhäuser und Juden gerichteten Boykotte der Nazis geschäftlich bemerkbar. Zusammen mit den Weltwirtschaftskrise halbierten sie den Umsatz des 'Berliner Warenhauses' von 1928 schlagartig auf 318.000 RM im Jahr 1932."

Eduard Wolff gab sein Warenhaus im Jahre 1930 auf. Wahrscheinlich war ein wesentlicher Beweggrund, dass sein Schwiegersohn und Teilhaber Fritz Casparius im Jahr zuvor verstorben war, so dass die wesentliche Stütze für einen Weiterbetrieb des Geschäftes fehlte. Das Ehepaar Eduard und Rosalie Wolff verließ am 15. Oktober 1930 Hannover-Linden und siedelte nach Bad Oeynhausen in die Stresemannstraße Nr. 7 (heute: Ravensberger Straße) über. Mathilde Casparius, geb. Wolff, die Witwe von Fritz Casparius, blieb noch bis 1932 in Hannover-Waldhausen in der Brandestraße Nr. 4 wohnen.

Rosalie und Eduard Wolff sind im Herbst 1933 kurz nacheinander im Alter von 62 bzw. 66 Jahren in Bad Oeynhausen verstorben. Der Todestag von Rosalie, geb. Oppenheim, war der 2. September. Ihr Ehemann Eduard starb am 28. November. Nach Auskunft des Stadtarchivs von Bad Oeynhausen sind sie beide auf dem jüdischen Friedhof in Vlotho beerdigt.

Im Gegensatz zum 'Kaufhaus Eduard Wolff' bestand das 'Berliner Warenhaus' - trotz der nationalsozialistischen Anfeindungen - auch weiterhin. Albert Wolff zog sich allerdings aus dem Geschäft zurück und überließ es wahrscheinlich 1931 seinem Partner Hermann Werblowski als Alleininhaber. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten verschärften sich die Boykottmaßnahmen. In der antisemitischen Liste "Juden in Hannover" des Herausgebers und NSDAP-Mitglieds Heinz Siegmann aus dem Jahr 1935 ist nicht nur das 'Berliner Warenhaus' mit Hermann Werblowski als Inhaber verzeichnet, sondern auch Albert Wolff unter seiner Privatadresse An der Markuskirche Nr. 3, wo er zusammen mit seiner Ehefrau Gertrude wohnte. Noch im selben Jahr, am 25. Juni 1935, ist Albert Wolff im Alter von 69 Jahren in Bad Tölz verstorben.

Hermann Werblowski bemühte sich nach Kräften, das 'Berliner Warenhaus' zu halten, was ihm unter Mühen einstweilen auch gelang. In der Umgebung des Geschäftsstandortes gab es mehrere große Fabriken wie Continental, Bode-Panzer und Sprengel, deren Arbeiter und Angestellte zu seinen Kunden gehörten. Privat musste Familie Werblowski im Januar 1936 ihre Wohnung in der Rühmkorffstraße Nr. 1 aufgeben, um in der Nähe eine deutlich kleinere Wohnung in der Bessemerstraße Nr. 6 zu beziehen.

Mitte 1938 war das 'Berliner Warenhaus' für Hermann Werblowski schließlich nicht mehr zu halten. Florian Grumblies, dem wir die Informationen über die Firma und das Schicksal ihrer Inhaber hauptsächlich verdanken, schreibt: "In allen umliegenden Werken brachten die Nationalsozialisten Anschläge mit der Aufschrift: 'Wer im Berliner Warenhaus kauft, wird sofort entlassen!' an. Kein Angestellter oder Arbeiter wagte es nun mehr bei Werblowski einzukaufen. Zusätzlich verschärfte sich die Propaganda. Schmähschriften aus Kreide oder weißer Farbe wurden auf den Bürgersteig vor dem Geschäft geschmiert. Zudem weigerten sich mitunter Lieferanten zu liefern. Außerdem standen nun Posten vor dem jüdischen Warenhaus, um Kunden am Eintritt zu hindern oder sie später denunzieren zu können."

Im August 1938 verkaufte Hermann Werblowski das 'Berliner Warenhaus' für 60.250 RM an Oskar Haas. Vom Kauferlös konnte er gerade die aufgelaufenen Firmenschulden decken. Oskar Haas führte das Geschäft unter seinem eigenem Namen weiter. Hermann Werblowski hat nach 1945 keine Wiedergutmachungsansprüche gegen Haas gestellt und dessen Ehefrau 1948 schriftlich versichert, dass "der damalige Verkauf und die Übernahme in korrekter Weise erfolgt sind". Das ändert natürlich nichts daran, dass der Verkauf des 'Berliner Warenhauses' kein freiwilliger Entschluss, sondern de facto eine "Arisierung" war, die ausschließlich aus den nationalsozialistischen Boykottmaßnahmen resultierte.

Am 23. März 1939 verließ Hermann Werblowski zusammen mit seiner Ehefrau Alice, geb. Wolff - einer Verwandten der Gebrüder Wolff - und den beiden Töchtern Ruth (* 1922) und Ilse (* 1924) Hannover und ging ins Exil nach London.

Quellen

"... weniger als ein Butterbrot", Die "Arisierung" jüdischer Kauf- und Warenhäuser und die Praxis der "Wiedergutmachung" in Hannover, von Florian Grumblies, Magisterarbeit am Historischen Seminar der Universität Hannover, 2007

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Recht und Ordnung - vom 27.10.2010

Eduard Wolff (1867-1933) [und] Rosalie Wolff, geb. Oppenheim (1870-1933), schriftliche Mitteilung der Stadt Bad Oeynhausen - Stadtarchiv - vom 17.01.2011

Jüdische Geschäftsleute in Linden, schriftliche Mitteilung von Marlis Buchholz per e-mail vom 29.12.2010

Das Buch der alten Firmen der Stadt Hannover im Jahre 1927, von P. Siedentopf, Leipzig 1927

Juden in Hannover, Nach eigenen Unterlagen bearbeitet, zusammengestellt und herausgegeben von Heinz Siegmann, Sieg-Verlag Heinz Siegmann, Hannover 1935

Diverse Adressbücher der Stadt Hannover

[Eingestellt am 09.04.2011; zuletzt geändert am 13.02.2013]

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