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2 Zum Wohnhaus der Familie Seide

Linden

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Station 2 der Adam-Seide-Tour: Wohnhaus der Familie Seide

Wo befand sich das Wohnhaus der Familie Seide? [Foto 2017: Manfred Wassmann]

Wo befand sich das Wohnhaus der Familie Seide? [Foto 2017: Manfred Wassmann]

2 Zum Wohnhaus der Familie Seide 

Dieser Lampenschirm geht, wenn er geht, geht er, geht, holt weit aus, schreitet zügig einher, macht lange Schritte, manchmal auch wagt er einen Sprung, einfach so, ohne Anlauf und Vorbereitung, aus dem Stand oder besser gesagt aus dem Gehen heraus, ein federnder Schritt, hebt ab, bleibt einen Augenblick lang, einen Wimpernschlag nur in der Luft, in der Schwebe, prallt dann aber gleich wieder schon hart, unsanft und auch ernüchternd auf den Boden.

Wieso nennt sich Adam Seide als Mensch im Buch Lampenschirm? Den Namen hat man ihm, heißt es da, gleich als er hier auftauchte, noch ehe er in die Schule kam, verpasst, mag sein, dass es mit seinen hellen Haaren zusammenhängt, oder auch deswegen vielleicht der Name, mit dem der Junge hier benamst worden ist, also Lampenschirm, als etwas Fremdes, Fremdartiges und Befremdliches angesehen wurde und wohl auch immer noch wird, aber auch Mutter Leuchtemal, seiner Großmutter, bei der der Lampenschirm wohnt, haftet ja ein Name an, unter dem sie weder im Geburts- noch im Taufregister zu finden ist.

Die Wege, die er geht, sind ihm vertraut, sind ihm von Kindesbeinen an geläufig, jedes Haus, jede Straße, jedes Geschäft, jedes Gebäude, ja fast schon jeder Stein, jede Mauerritze sind ihm seit langem wehe bekannt.

Für ihn sind es, wo er geht, erste und letzte Schulwege, seine Fluchtwege, seine Freundeswege, das waren Kriegspfade und Abenteuerfährten, dort haben Freunde gewohnt, da hat er zum ersten Mal aushäusig gegessen, bei anderen Leuten, bei ihm bis dato Fremden Fremdes gegessen, neugierig und misstrauisch zugleich.

Es ist ein Quartier in einer mittelgroßen, großen Stadt: Straßenzüge mit Wohnhäusern, vierstöckig, fünfstöckig, unverputzt die Fassaden, die Gesichtsseite aus dunkel gebrannten glänzenden Klinkersteinen, hinten bröckelt es ab.

In der nahen Franzstraße als Seide, Wilhelm, geboren am 2. Juli 1929, aufgewachsen in welchem Haus genau? Da streiten sich keineswegs Geister, sondern Zeitgenossen, Weggefährten. Von ihm selbst waren nur als ihm ausreichende Ortsangaben „in der Großkopfstraße“ und „im Einzugsgebiet der Hanomag“ zu erfahren. 

Wenn die Hanomag auch nahe lag, ging er aber nicht, wie sich das gehörte für einen aus Linden-Süd, dort hin zur Metallbearbeitung. Er wurde Schriftsetzer! Vermutlich damit die Eltern in den unruhigen Zeiten nach dem 2. Weltkrieg sagen konnten: Hat was Ordentliches gelernt, der Junge. Lernte dabei aber viel mehr die Genauigkeit & die Geduld kennen & ausführen, mit der er weiter arbeiten sollte, sein Leben lang.

[© Günter Müller]

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