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3 Vom Deisterplatz und der Hanomag

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Station 3 der Adam-Seide-Tour: Deisterplatz

Deisterplatz um 1920: Linker Pavillon mit Kiosk, rechter mit Pissoir [Sammlung Jürgen Wessel]

Deisterplatz um 1920: Linker Pavillon mit Kiosk, rechter mit Pissoir [Sammlung Jürgen Wessel]

3 Vom Deisterplatz & der Hanomag

… Lampenschirm geht, er geht, geht, geht den Allerweg hinauf; ein Fahrrad hat er sich nie gewünscht, auch nie bekommen, ist mal bei einem Freund so gefahren, kann es, braucht es aber nicht, geht lieber, wo andere, Freunde kann man sie nicht mehr nennen, die Wege haben sich schnell getrennt, mit einer Vespa, einem Motorrad oder gar einem alten Auto herumkutschieren, nein, er geht lieber, geht lieber allein, geht anderen dabei aus dem Weg, geht so, dass er nicht stört, nicht gestört wird… Am Deisterplatz soll nun der Platz sein, an dem Mutter Leuchtemal in ihrem Kiosk saß und sie fast niemand je anders gesehen hat als breit und scheinbar unbeweglich, beinah unbewegt hinter dem Schiebefenster auf ihrem Drehstuhl hockend, alles, womit dieser offen einsehbare Raum an kunterbunten Waren vollgestopft ist, befindet sich in ihrer Griffnähe. Sitzt so des Morgens da und des Abends, sitzt des Sonntags da und all die anderen Tage der Woche, sommers wie winters, bei jedem Wetter, (keiner kann sich erinnern, dass die Bude je dicht gewesen wäre): nie Ferien, nie krank…

Vor sechs Uhr dann schon die Hanomagarbeiter, die Frühschicht, maulfaul, unausgeschlafen, wollen die Zeitung, Zigaretten, eine Taschenflasche Schnaps, trinken ihr erstes Bier, spülen es schnell hinunter, die Arbeit durchstehen zu können, hetzen, eilen, trotten dann den Weg hinauf zur Schicht, begegnen dabei der Nachtschicht, die sich an der Bude erholen will, von der aufmerksam durchwachten Nacht, bevor sie sich ins Bett fallenlassen, wortfaul, mundfaul wie sie, wie Mutter Leuchtemal.

Von der Hanomag eine ganz kurze, dazu noch abgebrochene Firmengeschichte:

Gegründet 1835 von Georg Egestorff als Eisengießerei und Maschinenfabrik mit einer Belegschaft von 54 Mann, die Dampfmaschinen, Kessel, aber auch Hausgeräte und Grabkreuze herstellten. 1846 wurde dann die wohl erste Lokomotive gebaut, die sinnigerweise nach dem damaligen hannoverschen König, und erklärtem Eisenbahnhasser, den Namen „Ernst-August“ bekam.

Bei den Hanomagarbeitern war nicht nur sprichwörtlich die Betriebstreue so groß, dass sie, wie es hieß, im Kinderwagen hinein und erst im Sarg wieder heraus gefahren wurden. 

Kein Wunder daher, dass über viele Jahrzehnte, wie gesagt wurde, der Schornstein mächtig rauchte und richtig Geld verdient wurde mit der Produktion von Lokomotiven, Lokomotiven und noch mehr Lokomotiven, dann aber auch mit Lastkraftwagen (ab 1905), Traktoren (ab 1912), Personenwagen (ab 1926, darunter das legendäre "Kommisbrot"), Baumaschinen (ab 1931) und Schützenpanzer, Panzer, Feldhaubitzen, Flak und Eisenbahnkanonen (ab 1934), wobei die Belegschaft von 4.000 (1912) auf 20.000 (1940) stieg, darunter waren aber 6.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge!

[© Günter Müller]

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