Lebensraum Linden Navigator

7 Auf den Bergfriedhof mit Küchengartenpavillon

Adresse

Am Lindener Berge
30449 Hannover

Tipp auf der Karte anzeigen »

Weitere Informationen

Station 7 der Adam-Seide-Tour: Bergfriedhof mit Küchengartenpavillon

Günter Müller vor dem Küchengartenpavillon [Foto 2017: Manfred Wassmann]

Günter Müller vor dem Küchengartenpavillon [Foto 2017: Manfred Wassmann]

7 Auf den Bergfriedhof mit Küchengartenpavillon

... steigt über die niedrige Mauer, (braun-schwarzer (?) Klinkerstein, glänzend) des alten Friedhofs: angesichts der örtlichen Gegebenheiten hätte das auch als Kletterpartie beschrieben werden können, ja müssen. Ach ja, wenn ein Schriftsteller sich an seinem Schreibtisch sitzend erinnert, wie Adam in Frankfurt/Main an das ferne Linden …

Auch hier Erinnerungen, heraufdrängende, dräuende, widerwillig angenommene, Schulwege, Aufgabentausch, Verabredungen, Geheimnisse, die nicht geheim gehalten worden waren, Händchen halten, Lesestunden, Kindereien – Wasser plätschert, Blätter bewegen sich, die Schritte rühren trockne Blätter auf, kleine Tiere verkriechen sich, trotzdem die Stille, eine merkwürdige Stille. Lampenschirm ist nicht faul, bleibt nicht stehen, setzt sich nicht, setzt seinen Weg fort, als ob er nichts gesehen hätte, was unübersehbar ist – denn Adam Seide erwähnt doch tatsächlich den Küchengartenpavillon mit keinem Wort.

Das kann so nicht stehen bleiben? Daher zurück an dieser Stelle im Roman, und ändern der Geschichte? Den Lampenschirm, kurz nach dem angeblichen Überklettern der Mauer, stehen bleiben lassen vor einem Bauwerk aus einem längst vergangenen Jahrhundert, das eigentlich hier nicht gestanden hat, aber schon lange Jahre hierhin gehört?

 ---

Sehr gekürzte Geschichte des Küchengartenpavillons:

Der „Küchengartenpavillon" ist, nach im Staatsarchiv aufgefundenen Akten, im Auftrage des Hochseligen Königs Georg II. (König von England und Kurfürst von Hannover) vom 30. Dezember 1748 – also in der Zeit, als die Royals aus Hannover kamen! - durch die Königlichen Hofbaubedienten im Jahre 1749 als „Belvedere" im damaligen königlichen Küchengarten am noch immer so benannten Ort, der schon längst zu einem Großteil ein Lustgarten war, erbaut worden.

Mit dem Ende des Königreichs Hannover 1866 verlor der Pavillon, diese Bezeichnung hatte er während der napoleonischen Besetzung bekommen, seine Funktion als königliches Gartengebäude, wurde nur noch kurze Zeit privat genutzt, drohte, isoliert und ohne Garten, dort wo heute die Pavillonstraße beginnt, stehend, umgeben von Fabriken, den hohen Häusern der mittlerweile bebauten Fössestraße (damals Königinstraße) und neben dem Bahnhof „Küchengarten“, zu verfallen, regelrecht unterzugehen.

In einem Aufruf vom 18. April 1911 setzten sich Senatoren, Fabrikanten und andere Personen des öffentlichen Lebens dafür ein, dass das einzige königliche Bauwerk in Linden, der damals noch selbständigen Stadt, erhalten bleiben müsse. Schon 1913 wurde mit dem Wiederaufbau auf dem Bergfriedhof begonnen. Doch dann kam der 1. Weltkrieg, und erst 1923 begannen die Renovierung und der Innenausbau des Pavillons, dessen oberes Geschoss als Ehrensaal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Lindener Bürger eingerichtet wurde. Diese Kriegergedächtnisstätte" für die 2.500 Lindener 1. Weltkriegsopfer wurde am 17. Mai 1925 eingeweiht. Über die Nutzung des Gebäudes in der folgenden Nazizeit ist nichts bekannt, außer dass die Umbenennung in „Heldengedenkstätte“ erfolgte. 

Den Zweiten Weltkrieg hat der Pavillon trotz einiger Bombentreffer auf dem Friedhof nahezu unbeschadet überstanden. (Zitat) „Zwar wurde er ausgeplündert und ausgeraubt, aber schützende Hände sorgten dafür, dass nicht mehr Unheil angerichtet wurde.“ Es war aber vom Inventar das „Goldene Buch" als einzigartiges Dokument erhalten geblieben.

Am 17. Mai 1950, auf den Tag genau 25 Jahre nach der ersten Einweihung, wurde im Kuppelsaal eine Ehrengedenkstätte für alle Gefallenen eingeweiht, und am 1. Dezember 1950 zog in das Erdgeschoss des Pavillons eine vierköpfige Familie ein, die aus Ostpreußen geflohen war.  Sie blieb dort wohnen bis zum Tod der Eltern 1967.

Danach stand das Gebäude leer und verfiel. Dichter Efeubewuchs und Feuchtigkeit drangen ins Mauerwerk ein. Aber auch andere „ungebetene Gäste", also Diebe, drangen ein. Erst 1975 bemühte sich die Stadt Hannover um einen angemessenen Nutzer.

Man wählte einen damals (1977) jungen Künstler, Hans-Jürgen Zimmerman, aus, der in Eigenarbeit die „innere Renovierung“ durchführte. Dazu gehörten Wasserleitungen, Strom- und Telefonanschluss, aber auch ein Klosett mit dazugehöriger Grube und die zum Obergeschoss nötige Wendeltreppe.

Wohnen durfte er hier jedoch laut Mietvertrag nicht, erlaubt war nur die Nutzung als Atelier.  Mit der Nutzung war es erst 1998 vorbei, als Wasser durch das Fundament eindrang. Damit stand das Gebäude wieder leer. 

Im Sommer 2000 gründete sich dann die AG Küchengartenpavillon. An ihr beteiligten sich Quartier e.V., die AGLV Linden, Kleingärtner, das Bürgerbüro Stadtentwicklung, das Freizeitheim Linden, Kulturbüro Linden-Süd und die Kulturkoordination West. In Zusammenarbeit mit der Friedhofsverwaltung kam es zum Erhalt und zur neuen Nutzung. Besonders ist das ein Verdienst des Vereins Quartier e.V., dessen bekannteste Aktivität die jährliche Durchführung des mittlerweile bundesweit berühmten „Scillablütenfestes“ ist, wenn „das blaue Wunder“ an einem März- oder Aprilwochenende, abhängig davon, wann der Sibirische Blaustern den Bergfriedhof in weiten Teilen mit einem schimmernden, strahlenden, wenn auf Regen Sonnenschein folgt, sogar glitzernden, begeisternd blauen Teppich kleiner Blüten übersät.

[© Günter Müller]

« zurück zur Übersicht »